Von H. C. F. Mansilla

Seit Jahrzehnten befindet sich die spanische Kultur in einem großen Dilemma: einerseits betonen die Kulturfunktionäre unablässig, daß Spanien, zusammen mit vier oder fünf europäischen Ländern, zu den größten Kulturnationen der Welt gehöre und daß die ruhmreiche Tradition durch immer neue kulturelle Leistungen fortgesetzt werde; andererseits fühlen sich die meisten Schriftsteller und Künstler der im Bürgerkrieg unterlegenen republikanischen Seite zugehörig und hegen begründete Zweifel an der Vernunft der großen Tradition. So erklärt sich der schizophrene Eindruck, den das heutige Kulturleben in Spanien hinterläßt: die Betonung einer Tradition, die seit dem 17. Jahrhundert keine echte Fortsetzung mehr gekannt hat, die nicht einmal in angemessener Form gepflegt werden kann, und das Werk einiger fortschrittlicher Intellektueller, das aber in kaum verhüllter Gegensätzlichkeit zu den traditionellen Werten entstanden ist. Das Ergebnis dieser Situation: das einzige Schaffen, das sich dem westeuropäischen Niveau nähert, entwickelt sich trotz der "kulturellen" Bemühungen des Regimes.

Der Spielraum für die kulturelle Arbeit wird von den politischen Bedürfnissen des Regimes reguliert. In den 60er Jahren ließ die Möglichkeit einer Assoziierung an die EWG eine gewisse Liberalisierung nötig erscheinen. Diese Chance wurde von den Künstlern weidlich ausgenutzt. Das war bitter notwendig geworden, nachdem das Kulturleben sich fast ausschließlich auf die "Pflege" der Klassiker reduziert hatte. Die Abschaffung der Vorzensur durch das neue Pressegesetz von 1966 begünstigte die Gründung neuer Verlage, die in einer erstaunlich kurzen Zeit Hunderte von Titeln veröffentlicht haben: neben "Klassikern" wie Marx und Freud vor allem Übersetzungen von Autoren, die gegenüber der modernen Wohlstandsgesellschaft eine kritische Stellung einnehmen.

Ein spanischer Staatsminister soll nach einem Rundgang durch die Buchhandlungen Madrids kürzlich gesagt haben: "Das ist ja fast so schlimm wie in den Tagen des Bürgerkriegs auf republikanischem Gebiet: überall marxistische und revolutionäre Literatur, und noch dazu ganz billig!" Der Minister hatte nicht ganz unrecht. Das Interesse des Publikums für engagierte Literatur und marxistische Theorie hat sich als beinah unerschöpflich erwiesen; Jahrzehnte der konservativkatholischen Indoktrination stellten sich als vergebliche Liebesmühe heraus. Die traditionellen Verlagshäuser werden weiterhin von den staatlichen Subventionen leben müssen. Jedoch in den Schaufenstern fing seit der Verhängung des Ausnahmezustandes Ende Januar eine diskrete Umgestaltung an: Belletristik und Kunstbücher nahmen den Platz der linken Literatur ein.

Der "normale" spanische Film für Konsumzwecke ist noch schlechter als sein westeuropäisches oder amerikanisches Pendant; es gibt die regimetreuen Schriftsteller, die noch den vergangenen Ruhm des Landes besingen und sich bemühen, den blumigen Stil des Barock nachzuahmen und dabei nur eine leere Phrasenhaftigkeit erreichen: da sind die Dichter, deren Ziel es ist, "die Unschuld der Geburt Jesu Christi" zu verklären; da sind vor allem die ehrwürdigen Königlichen Akademien, in denen sich das offizielle Spanien immer wieder feiert.

In der letzten Zeit hat sich der Film zum interessantesten Teil des spanischen Kulturlebens entwickelt, obwohl der anspruchsvollere Film seit der Epoche Buñuels, des großen alten Mannes des spanischen Films, völlig vernachlässigt wurde. Die jungen Regisseure, die Beachtung verdienen, haben ihre Ausbildung in den frühen 60er Jahren vollendet, als ein katholischer Kulturfunktionär (García Escudero), der keineswegs als links bezeichnet werden kann, aber vom sozialen Engagement des katholischen Films überzeugt, Leiter der Madrider Filmakademie war. Er hat junge Leute gefördert und sogar erreicht, daß der Staat manche Filme zum Teil finanzierte, die als ausgesprochen experimentell galten. Sie bilden noch heute die "Schule von Madrid", die sich als eine sozialkritisch engagierte Kunstrichtung begreift.

Der wichtigste Film der Madrider Schule ist "Nueve cartas a Berta (Neun Briefe an Bertha) von Basilio Martin Patino, der einen großen Kassenerfolg erzielte (das ist selten in Spanien bei "anspruchsvolleren" Filmen) und eine sehr günstige Kritik fand, sogar seitens konservativer Kritiker.