Von Hellmuth Karasek

Wir beugen uns einem ultimativen Diktat." Dieser Satz, fettgedruckt auf einem Münsteraner Flugblatt zu lesen, läßt Schlimmstes befürchten: ist die Stadt in die Hände fremder, gar protestantischer Okkupanten gefallen? Regt sich ein letzter, aufzuckender Freiheitswille auf diesem Flugblatt?

Nichts dergleichen. Lediglich Günter Grass war in Münster, um daselbst der Premiere seines Stücks "Davor" beizuwohnen. Was er sah, gefiel ihm an drei Stellen nicht. So hatte das Münsteraner Theater die Sätze getilgt, in denen Kiesinger unter dem Namen "Silberzunge" an seine Vergangenheit erinnert wird. Zum Ausgleich dafür ließen die Münsteraner Theaterleute die Schülerin Vero das veranstalten, was Grass als "Striptease" bezeichnete. Dazu die Intendanz in Münster: "Fälschlich benannter ‚Striptease‘..." Drittens fand Grass in der Schlußpassage seinen Text unzumutbar gekürzt und umgestellt. Er forderte daher ultimativ, daß diese Änderungen aufgehoben würden, daß die Silberzungen-Passage wieder eingefügt und das Ausziehen der Vero wieder unterlassen würde.

Das Theater schien sich zähneknirschend zu beugen. Aber es verteilte ein Protestflugblatt und ließ an den Stellen, die Günter Grass rückverändert wissen wollte, Transparente vom Bühnenboden herab, auf denen unter anderem zu lesen stand: "Zensiert, G. G."

Das und die Tatsache, daß der Schluß nach wie vor anders gespielt wurde, als Grass es wünschte, bewog den Bühnenverlag, dem Münsteraner Theater das Stück endgültig zu sperren.

Wie der Fischer-Verlag kürzlich in Sachen Albee gegen Neuenfels, hat also Grass jetzt mit einem Aufführungsverbot auf das reagiert, was er "Zadekismus" (auf deutsch etwa: Selbstherrlichkeit des Regisseurs) nennt. Wie im Falle Neuenfels/Albee bildeten sich auch hier wieder zwei Lager, deren Wortführer jeweils dem anderen Teil Vokabeln wie "autoritär", "undemokratisch", "Eingriff in die künstlerische Freiheit" an den Kopf werfen.

Dabei haben solche Fälle mit "Recht und Freiheit" nur sehr wenig zu tun. Denn Recht behält hier stets derjenige, der es sich leisten kann. Und auf "Freiheit" kann mit gutem Recht jeder der Kontrahenten pochen. Konstruieren wir, um der Klarheit willen, ein Gegenbeispiel: der unbekannte Autor Müller wird mit seinem Erstling von der namhaften Bühne X und dem ebenso namhaften Regisseur Y angenommen. Nur in selbstmörderischer Absicht wird und würde er dann das Recht auf den unveränderten, unveränderbaren Text in Anspruch nehmen. Denn Grass und die Albee-Vertreter in Deutschland konnten und wollten mit dem Aufführungsstopp auch den Tantiemenverlust riskieren. Daß der Autor den Urheberschutz auf seiner Seite hat, wenn er nicht schon genügend lange tot ist – wie etwa Shakespeare – bedeutet im Grunde nur soviel, wie "Recht" auch für eine Ehe bedeutet: sobald man es in Anspruch nehmen muß, ist es mit der Gemeinsamkeit auch schon vorbei.