Die letzte Aufführung des Theatertreffens, fels), mußte von vornherein unsichtbar bleiben, so sehr war man gezwungen, bei jedem Bild zuerst das zu sehen, was einem vorher durch die Medien von diesem Bild vermittelt war. Es war äußerst anstrengend, unbefangen hinzuschauen, man sah keine Bilder, sondern die Wirkungen, die sich nach den Berichten über die Inszenierung einstellen sollten. So reagierten die Zuschauer nicht auf das, was sie sahen, sondern auf Reaktionen, von denen sie gehört und gelesen hatten. Mit genormtem Blick schaute man zu. "Wenn es aber gelang, ungenormt hinzuschauen, war der Blick eine Zeitlang nicht unangenehm, es gab viele Leute auf der Bühne, man konnte ihnen zuschauen, wenn sie gerade nichts zu tun hatten. Wenn sie freilich wieder agierten, wurden sie alle unsichtbar, ununterscheidbar. Auch wenn man mit unbefangenem Blick hinschaute, wurde es nicht besser. Woran lag das? Der Regisseur hatte versucht, die Personen künstlich zu machen, die Bühnengeschichte der agierenden Personen mitzureflektieren. Obrigkeitliche Personen sind erst einmal Bühnenfiguren; Mütter, Onkel, Vereinsvorsitzender, Jugendfürsorger, Arbeitsvermittler entsprechen bekannten Bühnenfiguren, sind auf ler Bühne erst einmal Typen, Popanze, haben ein bekanntes Bewegungs- und Sprechritual. Davon ist der Regisseur ausgegangen, dabei ist er leider stehengeblieben. Er hat das formalisierte Sprechen und die formalisierten Bewegungen nicht Wort für Wort, Bewegung für Bewegung an der außertheatralischen Wirklichkeit überprüft, er hat nur faul Bühnenrituale reproduziert. Seine Künstlichkeit ist also ungenau, weil sie das Bühnengeschehen nicht in Spannung setzt zu der Geschichte außerhalb der Bühne, zu den realen Popanzen. Die ungenaue Künstlichkeit führt zur Parodie. Und die Parodie ist etwas bloß Reflexhaftes, ist parasitär.

Was ist zu wünschen? Daß sich der Regisseur Neuenfels mit einem Stück beschäftigt, bei dem die Figuren, anders als in "Zicke Zacke", statt nur ihre eigene Theatergeschichte zu repetieren, zugleich auch die Widerstände der Außenwelt zeigen und so den Regisseur zur Reflexion jeder Geste und jedes Worts nach beiden Seiten bringen. Und dabei sollten die Zuschauer sich nicht den Blick verstellen lassen, sondern ruhig seine Arbeit nachprüfen können.

Ab und zu liest man davon, daß in einem Film so grausame Sachen gezeigt werden, daß einige Zuschauer, meist Männer, das Kino verlassen. In "Arthur Aronymus und seine Väter" (Eise Lasker SdhülerHans Bauer) kamen mir die Vorgänge so entsetzlich vor, daß ich in, der Pause weggegangen bin. Dieses Stück, 1932 geschrieben, führt eine jüdische Großfamilie am Ende des vergangenen Jahrhunderts vor. Das Stück besteht weniger aus Vorgängen als aus Zuständen. Reden, Kaffeetrinken, Beten, Lustwandeln, Schlafen unterstützen nicht atmosphärisch die Geschichte, sondern sind schon die Geschichte selber. Das Stück ist auf eine rücksichtslose Weise poetisch. Alles ist dramatisch, nichts ist dramatischer als das andre. Poetisch ist das Stück, weil Lasker Schüler die Welt mit ihrem Willen, mit Eigenwillen sieht und sie so mit jeder Einzelheit zu ihrer Welt macht; rücksichtslos poetisch ist das Stück, weil noch die entsetzlichsten Tatsachen (Pogrome) verzaubert von dem Eigenwillen der Poetin erscheinen. Für Eise Lasker Schüler muß das Dichten ein so selbstverständlicher Vorgang wie Zähneputzen und Spazierengehen gewesen sein. Alles, was sie sieht und hört, ist verwendbar.

In einer Szene spielt sich ein Weihnachtsmärchen ab; das jüdische Kind wird vom Kaplan zur Bescherung eingeladen, ganz ausführlich dürfen die Kinder sich freuen, es ist gar nicht kitschig, daß ihre Augen glänzen, es ist nur entsetzlich, so entsetzlich, daß ; man fast erleichtert ist, wenn jemand hereinschreit: "Judenpfarrer!" Und das alles ist nicht plakativ, sondern geschieht ganz selbstverständlich, die Bescherung konnte gar nicht anders ausgehen. Dieses Weihnachtsmärchen war nicht lächerlich, machte nur die Zuschauer lächerlich, die hinter dem Weihnachtsmärchen nichts als andere harmlose Weihnachtsmärchen sahen. Gerade daß es sidi um ein Märchen handelte, brachte einen dazu, dieses Märchen auf das zu beziehen, was dann 1933 wirklich kam. Ein realistisches Stück hätte dem. Zuschauer die Arbeit, Bezüge und Vergleiche herzustellen, schon dramaturgisch abgenommen. So sorgten- gerade die Widersprüche zwischen theatralischer Methode und Historie, zwischen Dramaturgie und Tatsachen, für die notwendige Befremdung des Zuschauers, für Furcht und Schrecken.

Was lehrte dieses Stück? Daß jeder Vorgang in der Außenwelt seine Dramaturgien hat, daß es aber gerade, wenn man das drinnen im Theater deutlich machen möchte, darauf ankommt, diesen Vorgang von "seiner" Dramaturgie zu trennen und mit einer widersprüchlichen Dramaturgie zu versehen. Grob gesagt: Eise LaskerSchüler macht dem Zuschauer die Dramaturgie des Massenmordes deutlich, indem sie für seine Darstellung die Dramaturgie des Weihnachtsmärchens verwendet.

III.

sind nicht nur ein dummes Stück, sondern ein gefährliches dazu. Und wenn man hört, wie der Pastor Moser die einzig erträgliche Figur in dem Stück, Franz Moor, zur Todesangst überredet, indem er Franz, wie in jener üblen Anekdote über den Tod Voltaires, von den Atheisten vorschwärmt, die immer in ihrer letzten Stunde zu Gott winseln, als ob das ein Naturgesetz sei, und wenn man dann hört, wie die Zuschauer diesem gefährlichen Unsinn des Pastors Beifall klatschen, dann möchte man nicht, länger zuhören müssen. Anders als bei Shakespeare richtet sich die Dramaturgie Schillers nicht nach den Personen, sondern die Personen richten sich nach den fertigen Dramaturgien. Und diese Dramaturgien bestehen aus simplen Gegensatzpaaren wie armreich, freiunfrei, altjung, fromm unfromm usw. Manchmal überkreuzen sich diese Gegensatzpaare, aber das ist auch schon alles. Die Personen sind nichts als Figuren, die nach ihrer vorgegebenen Dramaturgie zappeln.