Braunschweig

Seit Freitag, den 16. Mai, hat auch Braunschweig seine APO. Fast jeden Abend zogen seit jenem Wochenende Lehrlinge, Schüler und ein paar Studenten aus, die Kreuzungen in der Innenstadt zu blockieren. Sie protestierten gegen die drastische Erhöhung der Preise in den drei Freibädern der Stadt. Zwei Bäder erhöhten mit Wirkung vom 15. Mai die Preise um 70 Pfennig beziehungsweise eine Mark, das dritte um 30 Pfennig (Schüler bis 16 die Hälfte). Anlaß zu dieser Aufbesserung kommunaler Finanzen war die Übertragung zweier Bäder aus der Regie der Stadtverwaltung in die der "Stadtbad GmbH".

Ausgegraben wurde das Kriegsbeil von dem "Aktionskomitee Badepreise", das schließlich rund 200 Demonstranten zu einer Protestkundgebung auf die Beine brachte. In einer Resolution forderten sie die Stadtväter auf zu erklären, warum die Preise erhöht wurden und warum nur Schüler, nicht aber Lehrlinge und Studenten, von halben Preisen profitieren sollten. Am Samstag zogen dann schon 400 Jugendliche vor das Rathaus, um die Antwort zu hören. Aber vergebens, erst am Montag kam es zum Gespräch. Braunschweigs Oberbürgermeister Bernhard Ließ ermunterte durch Megaphon die 500 Versammelten, eine fünfköpfige Verhandlungsdelegation zu wählen. Diese erreichte nach kurzer Debatte mit ihm einige Verbesserungen, die von der Versammlung aber als ungenügend abgelehnt wurden. Man beschloß vielmehr, die Kreuzungen in der Innenstadt zu blockieren, die Konfrontation mit der Polizei aber möglichst zu vermeiden: "Nach jeder dritten Aufforderung der Polizei räumen wir die Kreuzung – um zur nächsten weiterzuziehen", hieß die Parole.

Zum zentralen Punkt der Auseinandersetzung wurde mehr und mehr die Bevorzugung der Schüler vor den Lehrlingen. Auch ein Teach-in in der Technischen Universität am Dienstag, zu dem Bürgermeister Ließ und seine SPD-Ratsfraktion erschienen, konnte die Fronten nicht abbauen, ebensowenig wie eine spätere Diskussion beim Oberbürgermeister, wo schließlich den Schülern bis 21 Jahre und "bedürftigen" Studenten halbe Eintrittspreise zugestanden wurden. Ihnen entging der neue Ansatz, der sich in den Aktionen niederschlug: Lehrlinge, Schüler und Studenten begreifen sich als "Jugendliche in Ausbildung", die trotz aller Unterschiede gemeinsam gegen den "Abbau der Sozialleistungen" kämpfen. Sie ließen nicht gelten, daß Bürgermeister Ließ erklärte, "die Lehrlinge verdienen doch mindestens 100 Mark im Monat, die können doch die 70 Pfennig bezahlen".

Ob der SDS als "Einpeitscher" agiert hat, der "verständliche Reaktionen ausbeutet" – wie Ließ meinte – ist fraglich. Die jugendlichen Demonstranten haben jedoch erfahren, daß sie durch Druck etwas erreichen. Sei es, daß die Stadtväter sich nachträglich zu einer Begründung ihrer Entscheidung bequemen mußten, sei es, daß nun doch noch "Luft" in den Preisen war. Und dies Beispiel machte Schule. Am 23. Mai gründeten etwa zwanzig Lehrlinge ein "Lehrlingszentrum", um auch in den Betrieben ihre Forderungen anzumelden. Wehrhart Otto