Wenige Tage vor Beginn des kommunistischen Welttreffens das am 5. Juni in Moskau eröffnet werden soll, haben sich die Außenseiter unter den KP-Führungen durch Reden, Reisen und Regierungserklärungen um günstige Ausgangspositionen bemüht:

  • Peking, das in Moskau nicht dabeisein wird, sich aber durch übertriebene Militanz nicht unnötig Sympathien verscherzen will, erklärte sich bereit, mit den Sowjets alsbald über eine Regelung des Grenzproblems auf der Basis der "ungleichen Verträge" zu verhandeln;
  • der tschechoslowakische KP-Chef Husák, der sich die Anerkennung des Sowjetblocks nur durch "Normalisierung" im Innern und nach außen sichern kann, besuchte Ostberlin, nachdem er zuvor in Moskau, Budapest und Warschau vorgesprochen hatte;
  • der rumänische Parteichef Ceausescu, "Enfant terrible" des kommunistischen Lagers, warnte nach Aufenthalten in der sowjetischen und polnischen Hauptstadt vor einer Überspitzung des Ost-West-Gegensatzes in Europa. Ceausescu pointierte den rumänischen Standpunkt so wie seit langem nicht. Seine Ausführungen erschienen in einer theoretischen Parteizeitschrift, die als sowjetfreundlich gilt. Um so mehr fiel auf, daß Ceausescu die Signale in Europa auf Entspannung gestellt sieht, während das von den Sowjets entworfene Grundsatzdokument der Moskauer Konferenz von einer "Verschärfung des Kampfes zwischen den beiden Systemen" spricht.

Über dieses Dokument (Auszüge unten im Kasten "Dokumente der Zeit") haben sich noch im letzten Moment starke Meinungsverschiedenheiten ergeben. Auf einer Vorbereitungssitzung für das KP-Treffen, zu dem 68 Delegationen in die sowjetische Hauptstadt reisten, erhoben vor allem die Italiener schwere Bedenken gegen die Breschnjew-Doktrin von der begrenzten Souveränität sozialistischer Länder. Die Abordnung der ČSSR soll gebeten haben, diesen Punkt von der Tagesordnung abzusetzen.

Trotz der emsigen Reisetätigkeit sowjetischer Ideologen und Diplomaten schien die Einheit des kommunistischen Lagers am Vorabend des KP-Gipfeltreffens denn auch noch keineswegs gesichert – obwohl der sowjetische Entwurf des Hauptdokuments (Titel: "Die Aufgaben des Kampfes gegen den Imperialismus in der gegenwärtigen Etappe und die Aktionseinheit der kommunistischen und Arbeiterparteien, aller anti-imperialistischen Kräfte") bereits seit März in den Hauptstädten des Ostblocks beraten wurde.

An der Moskauer Gipfelkonferenz – der dritten seit 1960 und 1967 – werden voraussichtlich etwa 70 KP-Führungen teilnehmen. China, Jugoslawien, Albanien, Nordkorea und Nordvietnam haben neben anderen bereits abgesagt.