Von Golo Mann

Man redet davon, die Bundesrepublik Deutschland vom Range eines „Provisoriums“ zu erheben in den eines „Modells“. Der Verzicht auf das Wort „Provisorium“ wäre gut, obgleich nicht gerade verfrüht. Die Bundesrepublik war von Anfang an kein Provisorium, wie Konrad Adenauer sehr wohl wußte, lange vor dem Anfang. Sie war ein Staat, ein Bundesstaat, ein in internationale Gründungen tief verflochtener Staat, und wird es bleiben.

Weniger glücklich scheint das Wort „Modell“. In leicht veredelter Form bewahrt es den Begriff des Provisoriums; wer Modell sein will, erwartet, daß andere ihn nachahmen. In unserem Fall: Die vom „anderen Teil Deutschlands“, welche ihrerseits, mindestens ihre Repräsentanten, Anführer, Machtnutznießer, ein gleiches von der Bundesrepublik erwarten.

Zwei Staaten, zwei Modelle. Ließe man das mit dem Modell weg, so wäre es besser. Das heißt nicht, daß die Erfolge der Bundesrepublik über deren Grenzen hinaus unwirksam geblieben wären oder in Zukunft unwirksam bleiben müßten. Jede schöpferische Leistung bewirkt etwas jenseits ihrer unmittelbaren Zwecke, aber ein gutes Beispiel soll nicht von sich selber sagen, daß es ein gutes Beispiel ist.

In der Bunderepublik, so hören wir, lebt ein Staatsvolk; in der DDR keines, und darum ist sie kein Staat (Kiesinger). Hier müßte man sich zuerst darüber klarwerden, was denn ein Staatsvolk ist und wie es wird. Die klassische Regel, nach der ein Volk sich bei hellem Tageslicht einen Staat gründet – Nordamerika 1787, Deutsches Reich 1919 –, ist doch nur eine.

Ein Staatsvolk kann allmählich zusammenwachsen durch allerlei gemeinsame Erfahrungen, Genossenschaften, Querverbindungen und erst nachträglich wissen, wozu es geworden ist – zum Beispiel die Schweizer. Es kann, überwiegend durch Gewalt, aus verschiedenen Rassen, Provinzen, Königreichen zusammengezwungen werden – zum Beispiel Spanien. Es kann plötzlich da sein, wohl oder übel, weil ein paar von fremden Eroberern zusammengestückelte Landfetzen aufgegeben und im Zustand ihrer willkürlichen Zusammenstückelung zurückgelassen wurden – zum Beispiel die europäischen Kolonien in Afrika. Es kann, wieder durch Gewalt, von einem größeren Gemeinwesen abgetrennt werden und dann im neuen, aufgezwungenen Rahmen einen unterschiedenen Charakter entwickeln – zum Beispiel Österreich.

Noch im frühen 17. Jahrhundert waren die Österreicher die Deutschesten unter den Deutschen, meist protestantisch, in engem Kontakt mit allem, was im übrigen Deutschland protestantisch und ständisch dachte. Die Gegenreformation der Habsburger hat es geändert, und zwar durch Schrecken. Dieser war mindestens so arg wie der je über die DDR verbreitete; ärger, wenn nicht der Unterschied der Zeiten einen genauen Vergleich verböte. Man hat heute andere, zuverlässigere, schneller ins Breitere wirkende Mittel; man braucht den Leuten keine „Tribuliersoldaten“ ins Haus zu legen, damit sie den wahren Glauben erkennen. Wie aber „Österreich“ geworden ist, danach fragt heute keiner mehr.