Seit meinen ersten Begegnungen mit Reproduktionen, das heißt von frühester Kindheit an", schreibt Giacometti, "hatte ich den spontanen Drang, alles zu kopieren, was mir am besten gefiel, und diese Kopierlust hat mich eigentlich nie mehr verlassen." Giacometti selber hat nie daran gedacht, diese Kopien, diese Zeichnungen nach alten Originalen oder Reproduktionen, die nur selten, nur in gewissen Details ihre Vorlagen wiederholen, die vielmehr bei Rembrandt oder Dürer oder in ägyptischer oder sumerischer Plastik das eigene Stilkonzept entdecken, zu publizieren und ein Buch daraus zu machen. Er fand den Vorschlag seines Freundes Luigi Carluccio, die "belanglosen Kuriositäten" zu sammeln und als Zeugnisse einer parallel zum eigenen Schaffen verlaufenden Tätigkeit zu fixieren, zunächst absurd – und war am Ende mit der geplanten Publikation doch völlig einverstanden: Sie bedeute für ihn "die Wiederbegegnung mit der ganzen, festgehaltenen Vergangenheit".

So erklärt sich der Titel des nach Giacomettis Tod veröffentlichten Buches, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt –

Alberto Giacometti: "Begegnung mit der Vergangenheit – Kopien nach alter Kunst", mit einer Einführung von Luigi Carluccio; Verlag Ernst Scheidegger, Zürich; 330 S. mit 144 ganzs. Abb., 98,– DM.

Die Doppeldeutigkeit des Titels entspricht Giacomettis eigenen Intentionen. Er ist autobiographisch zu verstehen, als Wiederbegegnung mit vergangenen Lebensstadien. Giacometti erinnert sich, wie er, dreizehn Jahre alt, im Wohnzimmer der Casa Giacometti in Stampa an Dürer-Graphik geriet, wie er "Ritter, Tod und Teufel" akribisch nachzeichnete. Damals war es die Trockenheit und Schärfe des Strichs, die ihn faszinierten, die er sich aneignen wollte.

Er verlor Dürer aus den Augen, er stieß auf Pinturicchio, auf die Fresken des Quattrocento in der Sixtina. Im Vatikan kopierte er "Laokoon" und attische Keramik. In den frühen Pariser Jahren entstanden Zeichnungen nach ägyptischer, altorientalischer Plastik. Rembrandt, Cézanne, Velasquez, byzantinische Mosaiken, karolingische Miniaturen wurden fixiert, mit Tinte, Bleistift oder Kugelschreiber, auf Zeichenpapier, im Skizzenbuch, auf dem Umschlag einer Zeitschrift.

"Begegnung mit der Vergangenheit" enthält wie in einem Tagebuch die gewissenhafte Addition aller Bildungserlebnisse, die sich nicht nur ablösen, sondern sich überlagern, in einer späteren Phase wieder auftauchen, der eigenen Arbeit und Bewußtseinslage angepaßt. Dürer beispielsweise bedeutet einen durch die Jahrzehnte konstanten und zugleich flexiblen Faktor. An den Zeichnungen nach Dürer kann man Giacomettis eigenen Standort ablesen. Bei dem "Studienblatt mit fünf nackten Figuren" aus dem Städelschen Kunstinstitut ("Städtisches Kunstinstitut" ist ein Lapsus, und leider nicht der einzige der Übersetzung) gehen die überlangen Proportionen und der spiralig schleifende Duktus vor allem auf das Konto des Kopisten.

Begegnung mit der Kunst der Vergangenheit: das ist der andere Aspekt dieser Sammlung von Kopien. Das Buch liefert einen exemplarischen und authentischen Beitrag zur Frage nach der möglichen Tradierung zeitgenössischer Kunst. Es demonstriert, wie ein moderner Künstler, dem das "imaginäre Museum" zur Verfügung steht und der sich in diesem Museum vorzüglich auskennt, die Überlieferung reflektiert, wie er sich die ihm gemäße Tradition selber herstellt, indem er das riesige Angebot sichtet und seine Wahl trifft. Das spricht nicht gegen die Originalität Giacomettis, die ernsthaft niemand in Zweifel ziehen kann. Gottfried Sello