Von Alexander Adrion

Ich hätte es nie für möglich gehalten – aber nun stand ich davor und sah es mit eigenen Augen. In grellen Farben war mit altertümlichen Buchstaben auf das Zelt gemalt: "Spidergirl." Ich brauchte nur noch den halben Shilling hinzulegen und einzutreten. Aber ich wartete noch, ich schob das Erlebnis des Wunderbaren auf.

Niemand kann wissen, was dieses Zusammentreffen mit dem Spinnenmädchen für mich, den Zauberer, bedeutete. Denn ich kannte das Spidergirl seit Jahren, wie man eine geschichtliche Größe kennt. Im Pariser Arbeitszimmer von Jean Boullet, dem Vertrauten Sacha Guitrys, sah ich es auf einem alten, angerissenen Plakat über einer Bücherwand; auch aus Albert A. Hopkins 1898 erschienenen Wälzer über die Illusionen jener Tage war es mir vertraut. Spidergirl hatte ich jenen skurillen Täuschungen zugeordnet, die im 19. Jahrhundert noch ihr Publikum fanden und für die auf unseren Kirmesplätzen kein Spielraum mehr zu sein schien. Aber hier, im riesigen Londoner Vergnügungspark im Stadtteil Battersea, gab es jemanden, der es wieder zum Leben erweckt hatte.

Ich legte die Münze hin und wurde eingelassen – und sah das Spinnenmädchen, genauer: einen Mädchenkopf, der mit einem übergroßen Spinnenleib verbunden war. Die Spinnenarme lagen auf einem weitmaschigen Spinnennetz, dessen Endpunkte am Geländer einer Treppe befestigt waren.

Wäre es ein richtiges Mädchen gewesen, ein Menschen-Mädchen, so hätte ich es auf zwanzig Jahre geschätzt. Aber Spinnenmädchen kann man so nicht beurteilen, sicher gilt für sie ein anderes Zeitmaß.

Unter dem braunen Spinnenleib und dem blonden Mädchenkopf konnte ich die Treppe hinaufsehen. Also kein erkennbarer Trick der Verschleierung des Mädchenkörpers, kein Anhaltspunkt für eine Erklärung war zu entdecken. Und alles war überdies hell erleuchtet. Nur ein Seil trennte die Beschauer von dem Ereignis. Die Besucher verweilten verwundert davor und wurden gemächlich von den Nachkommenden zum Ausgang gedrängt.

Gelegentlich gab es ohrenbetäubenden Lärm. Der kam von den Todeswandfahrern, die in unmittelbarer Nähe ihre Maschinen aufdonnern ließen, um Neugierige anzulocken. Spidergirl schien davon nicht beeindruckt. Es war ganz still. Manchmal glitt ein sanftes Lächeln über ihr bleiches, schmales Gesicht.