Von Ernst Weisenfeld

In den Meinungsumfragen stagniert sein Stimmenanteil bei etwa 40 Prozent. Damit dürfte Georges. Pompidou am Sonntag im ersten Wahlgang der Präsidentenwahl als Erster durchs Ziel gehen. Aber das ist noch keine sichere Basis für den Sieg. Sein aussichtsreichster Gegenkandidat, Alain Poher, wird in der Stichwahl mehr Anhänger der anderen Kandidaten auf sich ziehen als Pompidou.

General de Gaulle wird sich einen neuen Irrtum eingestehen müssen. Er soll Ende April, als er sich in düsteren Betrachtungen über den Ausgang des bevorstehenden Referendums erging und seine eigene Niederlage voraussagte, gemeint haben: "Nun ja, sie werden dann eben Pompidou wählen – und zwar schon im ersten Wahlgang!" Darin lag das Eingeständnis, daß die Franzosen die gemäßigte Form des – Gaullismus, die sein früherer Premierminister verspricht, dem Original vorziehen. Inzwischen jedoch machen die spontanen Sympathien für den interimistischen Staatspräsidenten Poher klar, daß viele Franzosen einen größeren Wandel wünschen. Pompidous Wahlkampfproblem heißt: Wie kann er sein Versprechen. "Kontinuität und Wandel" glaubhaft machen und damit sowohl den gaullistischen Anhang bei der Stange halten als auch einem Teil der "Nein-Sager" vom 27. April genügend Änderungen garantieren.

Ein solcher Kraftakt vor dreißig Millionen Wählern ist nicht eine Frage der geistigen Akrobatie, sondern der Persönlichkeit. Die Franzosen haben mit eigenen Augen verfolgt, wie sich aus einem Beamten und Manager ein Staatsmann entwickelte. Schon als Pompidou 1962 Premierminister de Gaulles wurde, sah man in dem Mann, der jahrelang eine Art gehobener Sekretär, dann Kabinettsdirektor des Generals gewesen war und zwischendurch eine Vertrauensstellung im Hause Rothschild eingenommen hatte, mehr als einen Aktenschrank oder einen Technokraten. Man könnte hinter. Pompidou immer die Bauern und Berge des Cantal sehen und das Lehrerhaus, in dem Jean Jaurès, der Sozialistenführer, verehrt worden war, aber auch Saint-Tropez und seine mondänen Vergnügen. Und mit der Anthologie französischer Poesie, die Pompidou als Bankdirektor herausgab, hatte er gezeigt, daß er auch den Gymnasialprofessor nicht ganz ablegen wollte.

Er wohnte als Premierminister nicht im Palais Matignon, sondern behielt seine viel pariserische Wohnung auf der Ile-Saint-Louis bei. Im Arbeitszimmer der Regierungschefs ersetzte er das Bild Richelieus mit moderner Kunst. Abends konnte man ihn auf ein Bier bei "Lipp" im Schatten der Kirche von Saint-Germain-des-Pres sehen. Und das alles war keine Masche, sondern Ausdruck einer ungebrochenen Lebensbejahung, die auch durch das etwas rundliche Auftreten noch unterstrichen wurde.

Aber richtig eingeprägt ins Bewußtsein der Franzosen hat Pompidou sich doch erst im unruhigen Mai 1968 – und das war fast ein Zufall. Der General hatte eigentlich schon 1967, nach der Parlamentswahlen, Couve de Murville an seine Stelle setzen wollen. Die Meinungsverschiedenheiten, die es auch damals gegeben hatte, die Rücktrittsdrohung beispielsweise, mit der sich Pompidou der Hinrichtung des Putschgenerals Jouhaud entgegengestellt hatte, wogen wohl nicht so schwer. Der Wunsch nach einem Wechsel entsprang eher der Vorstellung de Gaulles, daß der Premierminister für den Verschleiß der Macht geradezustehen hat, damit der Glanz des Souveräns ungetrübt bleibe. Aber der Wahlsieg war dann so hauchdünn, und Couve de Murville hatte seinen persönlichen Wahlkampf in so auffallender Weise verloren, daß damals an diesen Personenwechsel nicht zu denken war. Er vollzog sich deswegen erst ein Jahr später.

So kam es, daß Georges Pompidou noch im Mai 1968, als der General nach eigenem Eingeständnis "die Ereignisse nicht in den Griff bekam", den von revolutionären Wogen umbrandeten Staat verkörperte – als rother de bronce. Diesen Georges Pompidou, der mit der Zigarette im Mundwinkel, den Schalk in den Augen, unrasiert, aber ungebrochen, eine fast sechsunddreißigstündige Lohnverhandlung abschloß, und damit am Ende auch das Bündnis der revolutionären Studenten mit den Arbeitern auflöste – diesen Georges Pompidou, den sie auf dem Bildschirm oder auf Photos sahen, haben alle Franzosen noch in Erinnerung. Als er dann den General, nicht ohne Mühe, zur Auflösung der Nationalversammlung überredete und ihm anschließend einen großartigen Wahlsieg erkämpfte, hatte er auch bald wieder die Sympathien von Freunden und Gegnern, zumal sein dann folgender plötzlicher Abgang allen wie schierer Undank vorkam.