Der achte ordentliche Bundeskongreß des Deutschen Gewerkschaftsbundes in München, von der Presse bereits ob seiner Langweiligkeit gescholten, endete mit einem Paukenschlag: Der neugewählte DGB-Vorsitzende Vetter bekräftigte am vorigen Freitag den Willen der Gewerkschaften, zur Durchsetzung und Ausweitung der betrieblichen Mitbestimmung notfalls auch zu streiken.

In seiner Schlußansprache sagte Vetter: "In gesellschaftspolitischen Fragen wie Vermögensbildung und Mitbestimmung kann es für die deutschen Gewerkschaften keinen Kuhhandel geben. Ein Angebot der Arbeitgeber auf dem Gebiet der Vermögensbildung kann und darf die gewerkschaftlichen Ziele und Vorstellungen für die Ausweitung der qualifizierten Mitbestimmung nicht um einen Millimeter verrücken." Es gehe um eine "gerechte Umverteilung der Vermögen".

Vor der Presse erläuterte Vetter hinterher: Die Gewerkschaften würden ihre Sache zunächst weiter "mit Argumenten" vertreten. Jedoch seien "Kampfmaßnahmen nicht auszuschließen, wenn sich die Parteien zu Handlangern der Arbeitgeber machen lassen".

Der Bundesverband der Deutschen Industrie, CDU und FDP reagierten mit scharfer Kritik auf die Kampfansage des DGB-Chefs. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Genscher wies "den Versuch Vetters auf das schärfste zurück, mit Streikdrohungen Druck auf das Parlament auszuüben".

Heinz Oskar Vetter (52), bislang wenig bekannter Vize-Vorsitzender der IG Bergbau und Energie, war von den Delegierten als Nachfolger Ludwig Rosenbergs mit 267 gegen 20 von 427 abgegebenen Stimmen (bei 133 Enthaltungen und sieben ungültigen Stimmen) gewählt worden. Vor seiner Nominierung war der Hauptaspirant auf den DGB-Vorsitz, Kurt Gscheidle, SPD-MdB und stellvertretender Vorsitzender der Postgewerkschaft, über Pläne zur Reform des DGB gestolpert.

Der Antrag der Postgewerkschaft, vor der Wahl Vetters die Anträge über die Änderung der DGB-Satzung zu beraten, damit der designierte Vorsitzende zu den Reformplänen Stellung nehmen könne, wurde von den Delegierten verworfen. Statt dessen beschloß die Versammlung, auf einem außerordentlichen Kongreß im Jahre 1971 die Diskussion um eine Reform des DGB abzuschließen. Vetter stellte sich nach seiner Wahl hinter die Reformer: Die Erneuerung der Gewerkschaften bleibe auf der Tagesordnung, Herunterspielen genüge jetzt nicht mehr.