Ab 1. September 0.00 Uhr gibt es auch in der Bundesrepublik Deutschland, wie in der DDR schon seit langem, keine "einfache Homosexualität" als strafwürdiges Delikt mehr.

Der Paragraph 175 ist dann abgeschafft, Männer dürfen Männer lieben. Bestehen bleibt freilich 175a, der in gleicher Weise wie 175 den Verfassungsgrundsatz, nach dem die Geschlechter gleiche Rechte haben, verletzt: er schützt die männliche Keuschheit bis zum 21. Lebensjahr (während die weibliche nur bis zum 16. geschützt ist), und er stellt die männliche Prostitution unter Strafe (während die weibliche zwar in mancherlei Weise, aber nicht durch direkte Strafdrohungen verfolgt wird).

Wahrscheinlich kann man nicht einmal von liberalen Politikern in einem Justizministerium verlangen, daß sie über ihren Schatten springen. Die meisten Wähler werden ja noch lange jede Art von Homosexualität für anrüchig halten. Man sollte wohl, nachdem wenigstens etwas geschehen ist, auch nicht fragen, warum denn nun ausgerechnet Homosexualität und Ehebruch endlich aus dem Sittenstrafgesetz entfernt worden sind, während Jungen, die ihre Halbschwestern lieben, nach wie vor als Kriminelle gelten, und Mütter, die ihre zwanzigjährigen Söhne lieber mitsamt Freundin im Haus behalten wollen, als sie ganz zu verlieren, mit Gefängnisstrafe wegen "Kuppelei" rechnen müssen.

Im übrigen mögen sich auch diejenigen trösten, die sich besorgt fragen, was denn geschieht, wenn ein männliches Liebespaar sich in der Uhrzeit irrt und das, was ihm ab 1. September 0.00 Uhr erlaubt ist, schon am 31. August um 23.50 Uhr tut. Es wird nicht geschehen. Und wenn es nach den Vorstellungen des Bundesjustizministeriums geht, werden auch diejenigen, die Strafen wegen einfacher Homosexualität verbüßen, in diesen Tagen entlassen.

An eine Gruppe scheint bisher niemand ausreichend gedacht zu haben. Was geschieht mit denjenigen, deren Schicksal nachdenklichen Juristen ohnehin immer wieder Unbehagen bereitet: den Leuten nämlich, für die Verurteilung und Gefängnisstrafe nicht das Schlimmste war – sondern die Folgen, die solche Strafen für ihre Berufsexistenz hatten?

Was geschieht mit dem Feldwebel der Bundeswehr, der erst ein Verfahren wegen Ehebruchs angehängt bekam und dann – weil ja Soldaten, wie alle Welt weiß, vor allem sittenstreng sind – seinen Dienst quittieren mußte? Und was geschieht mit jenem Doktor der Philosophie, der – wie jeder zwanzigste Bürger dieses Landes, also vermutlich auch jeder zwanzigste Doktor der Philosophie – homosexuell war und dem daraufhin vom Akademischen Senat der Universität Bonn, der von Plato nichts wußte, der Doktortitel aberkannt wurde?

Solche existenzvernichtende Sekundärgerichtsbarkeit wird von der neuen Gesetzgebung nicht mehr gedeckt. Das sollte Anlaß sein, diskriminierende Disziplinarmaßnahmen, die auf Grund der alten Paragraphen beschlossen wurden, schleunigst zu revidieren – damit nicht trotz Recht weiter Unrecht geschieht.

Rudolf Walter Leonhardt