Von Karl-Heinz Wocker

Die Engländer gelten als sportbegeistert und rekordverrückt; sieht man aber näher hin, so gibt es auf jeden Schnelligkeitswettbewerb ein Gemächlichkeitsrennen. Sterling Moss ist gut und schön, doch die Oldtimer-Rallye von London nach Brighton ist eigentlich schöner. Und beim großen Luftrennen von der Spitze des Londoner Postturms zu der Empore des Empire State Building in New York (oder zurück) gab es mit nur Preise für die verschiedensten Arten möglichst rascher Beförderung, sondern auch einen Lohn für die originellste Weise, hinüber oder herüber zu gelangen. Wer auf britischen Aschenbahnen als Letzter ins Ziel humpelt, darf lauten Beifalls sicher sein. Und der wahre Gentleman, spielt nicht Fußball, sondern Cricket. Das ist eine Mischung aus Kraftaufwand und Gelassenheit, und sobald auch nur ein Regentropfen fällt, bricht man ab.

Geschwindigkeit und Gemütlichkeit, Renten und "Relaxen" (wie es die NATO-Sprache nennt) gehören in England offenbar zusammen; nur wer das eine kennt, kann das andere würdigen. Der Rekord ist zu ertragen durch seine Parodie, die wiederum durchaus in einem neuen Rekord bestehen kann. 1967 erzielte Donald Campbell die Weltbestzeit in der Fortbewegung auf dem Wasser mit 524 Stundenkilometern. Im gleichen Jahr verschlangen vierzehn seiner Landsleute in London hundert Meter Spaghetti in einer Minute, 34 Sekunden. Soll man lachen oder weinen? Campbell ist inzwischen tot, die Meisterschlin;er weilen noch unter uns.

Freilich, es gibt Rekorde, die überläßt der Engländer gern anderen Völkern. Das größte Gemälde der Welt schuf natürlich ein Kunstbanause aus den USA; es soll 1500 Meter lang gewesen sein und wurde – von den beleidigten Musen vermutlich – im Jahre 1891 durch Feier den Punkten Lands End bis John O’Groat’s, sowohl zu Fuß als auch per Anhalter, ein immer wieder geübter Kraftakt. Der Rekord für die Hin-und Rückreise liegt bei gut hundert Stunden.

Viele britische Rekorde beruhen weniger auf der Geschwindigkeit, als auf dem Durchstehvermögen. Wahrscheinlich kommen da Eile und Weile am günstigsten zusammen. Die schnellste Schreibmaschinenschreiberin der Welt ist natürlich eine Amerikanerin; am längsten aber hielt es Miß Nicola Simon aus Oxford durch; ihr Rekord steht seit dem Februar des vergangenen Jahres auf 63 Stunden, 30 Minuten, und ihre Fehlerquote blieb selbst in den ermattenden letzten Augenblicken des dritten Tages noch unter dem zugestandenen Limit.

Erstaunlich ist das britische Talent für Freß- und Sauf-Leistungen, die weit über dem Weltdurchschnitt liegen. 40 Bananen in 39 Minuten verschlang der 17jährige Anthony. Figg aus Hampshire im Mai 1967. Lawrence Hill aus Bolton schluckte zweieinhalb Pint Ale (ein Pint gleich 0,586 Liter) in sechseinhalb Sekunden. Der Schotte Michael Douglas, durch die hohe Whisky-Steuer seit Kindesbeinen vom Nationalprodukt seines Volkes abgeschreckt, brauchte für dreieinhalb Pint 12,4 Sekunden. Die Brauerei-Firma Guinness, deren alljährlich erscheinendes Nachschlagewerk für alle jemals festgehaltenen Rekorde mit einschlägiger Geschwindigkeit vergriffen ist, hat sich schweren Herzens entschlossen, die Leistung jenes Mannes aus Wroxham, der im Jahre 1810 ganze 54 Pints in kargen 55 Minuten getrunken haben soll, in die Legende zu verweisen und das Championat im Massen-Bierkonsum dem Deutschen Horst Pretorius für 30 Pints in 60 Minuten zuzusprechen, vollbracht im Juni 1968. Seltsamerweise findet sich unter den führenden Männern der verschiedenen Wett-Trink-Landsleute schaffte die Spitze von fünf Seildurchschwüngen in einem einzigen Sprung. Wem das wenig scheint, der sollte an seine Physikstunde zurückdenken, ehe er sich vergebens bemüht; denn aus dem Stand kann kein Mensch länger als eine Sekunde beide Beine vom Boden entfernen, auch kein britischer Mensch.

Mit musischen Rekorden ist es dagegen unter Engländern schlecht bestellt. Keiner von ihnen spielte länger ohne Unterbrechung auf dem Klavier als 194 Stunden. Da hat es ein Landsmann von Beethoven und Brahms schon auf 1054 Stunden gebracht, ein Klassenunterschied wie in der Handelsbilanz. Wohl aber gelang es im August 1967 einem englischen Team, ein Klavier in zwei Minuten, 29 Sekunden derart zu zerschlagen, daß die Trümmer sich durch ein etwa zwanzig Zentimeter im Quadrat messendes Loch schieben ließen, eine ikonoklastische Tat, die von der Millionenzuschauerschaft einer bekannten europäischen Fernsehsendung miterlebt wurde; ihr englischer Titel "it’s knock-out" war in diesem Fall sehr viel geeigneter als "Spiel ohne Grenzen". Schier endlos war dagegen das Klavierspiel, das sich am 1. Dezember 1930 in Glasgow zutrug. Dort fand die bisher einzige in den Annalen verzeichnete Aufführung des längsten Piano-Stückes der Musikliteratur statt, eines zwölfsätzigen Werkes, dessen Höhepunkt aus einer Passacaglia mit 81 Variationen besteht. Es dauert zweidreiviertel Stunden und wurde von einem Nichtengländer komponiert.