Zu einer Dokumentation über die SPD im Exil

Von Alfred Kantorowicz

Im Alter von 83 Jahren starb 1957 in Kronberg im Taunus Friedrich Stampfer, der langjährige Chefredakteur des sozialdemokratischen Parteiorgans "Vorwärts" und Mitglied des Parteivorstandes. Sein vollständig erhaltener Nachlaß diente als Grundlage des Bandes

"Mit dem Gesicht nach Deutschland. Eine Dokumentation über die sozialdemokratische Emigration. Aus dem Nachlaß von Friedrich Stampfer, ergänzt durch andere Überlieferungen"; herausgegeben im Auftrage der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien von Erich Matthias, bearbeitet von Werner Link; Droste Verlag, Düsseldorf 1968; 758 S.; 82,– DM

Außer Stampfers eigenen Beiträgen – einem kurz gefaßten Abriß der Geschichte der Emigration, Artikeln, Reden, Briefen – finden sich, chronologisch geordnet, Sitzungsprotokolle, Berichte, Denkschriften, Manifeste, Rundschreiben und Mitteilungen der führenden Mitglieder der "Sopade" (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) von 1933 bis 1948. Besonders aufschlußreich für die politische, oftmals auch persönliche Bedrängnis der deutschen Exilierten ist Stampfers Korrespondenz mit Persönlichkeiten wie Siegfried Aufhäuser, Max Brauer, Rudolf Breitscheid, Albert Grzesinski, Paul Hertz, Rudolf Hilferding, Erich Ollenhauer, Gerhart Seger, Wilhelm Sollmann, Hans Vogel, Otto Wels – um nur die bekanntesten der sozialdemokratischen Politiker zu nennen, die bereits in der Weimarer Republik, einige nach 1945 auch in Westdeutschland einflußreiche Positionen in der Partei, den Parlamenten und Regierungen innehatten.

Die Vergangenheitsform ist zwangsläufig. Kaum einer der im Personenverzeichnis des Bandes Genannten ist noch am Leben, keiner mehr in der Bundesrepublik tätig. Es ist kein Zufall, daß der Name Willy Brandt in diesem Band nicht vorkommt, hingegen ein wackerer sozialdemokratischer Hauptkassierer, Siegmund Crummenerl, auf 37 Seiten verzeichnet steht; auch ist – jenseits der Generationsfrage – sinnfällig, daß nicht ein einziges Mal von Liebknecht die Rede ist, aber ein Redakteur der "Deutschland-Berichte der Sopade", der nach 1945 in den Vereinigten Staaten im Bankfach tätig wurde, mehr als einhalbhundertmal oder Karl Marx insgesamt neunmal erwähnt wird, Engels dreimal, der verdienstvolle spätere Justizminister in Schleswig-Holstein, Rudolf Katz, immerhin fast hundertmal.

Diese Feststellung ist keine Kritik an dem – vielleicht gerade deswegen – aufschlußreichen Bande. Die vielspältige und vielschichtige deutsche Emigration mit ihren untereinander verzankten Parteien, Fraktionen, Gruppen ist charakterisiert durch den Mangel an schöpferischer politischer Erneuerung. Die Politiker wurstelten weiter, als ob... Auf kommunistischer Seite galt es von Beginn an als parteifeindliche Verleumdung zu behaupten, daß die deutsche Arbeiterklasse durch Hitlers (kampflose) Machtergreifung und den Naziterror eine Niederlage erlitten habe. Eine Entsprechung sind die Illusionen Friedrich Stampfers, der nach der Wahl am 5. März 1933 (der letzten Wahl zum Reichstag) in "überströmendem Glücksgefühl" darüber, daß der Wählerstamm der Sozialdemokratischen Partei sich behauptet hatte, den "Ruhmestag der Partei" in einem Flugblatt feierte und frohgemut die Chancen der "legalen Opposition" gegen die Regierung Hitler in Rechnung stellte.