Von Dietrich Strothmann

Fünfundzwanzig Jahre nach der Vertreibung aus Königsberg, Breslau und Eger sind die Vertriebenen, die weithin in Vergessenheit geraten waren und die als organisierte Gruppe kaum noch für existent gehalten wurden, wieder im Gespräch. Ihre Funktionäre werden umworben, sind ein politischer Faktor. Laut und fordernd kämpfen sie dagegen an, ein zweitesmal vertrieben zu werden – nun vom politischen Feld. Sie demonstrieren ihre Macht. Sie wollen nicht nur reden, wie schon früher so oft, sie wollen auch handeln. Bei den Parteien auf der Rechten finden sie Gehör, auf der Linken aber stoßen sie auf Ablehnung und Unverständnis. Die Ereignisse der letzten Wochen boten dafür manche Indizien. Der Fall Rehs ist nur eines von ihnen.

Lange Zeit konnte die SPD mit einigem Stolz von sich sagen, daß der Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV) aus ihren Reihen stammt. Der Sudetendeutsche Wenzel Jaksch war einer von ihnen, ein alter Sozialdemokrat, wenngleich wegen seiner Dickköpfigkeit nicht sonderlich geliebt, isoliert in der Bundestagsfraktion, so daß er oft nahe daran war, sein Parteibuch zurückzugeben und eine eigene Partei zu gründen, eine "patriotische Mitte". Nach Jakschs plötzlichem Tod trat der Ostpreuße Reinhold Rehs an seine Stelle, SPD-Parteimitglied seit 1945, Bundestagsabgeordneter seit 1953, ein umgänglicher, eher zur Besonnenheit und Mäßigung neigender Vertriebenensprecher, auf einsamem Platz auch er, geduldet mehr als gefördert von seinen Fraktionsfreunden, geachtet aber immerhin als Gegenstimme zu den Scharfmachern in der Seebohm-Nachfolge auf dem rechten Flügel der Landsmannschaften.

Die Krise kam, als die SPD-Führung in der Rolle des Regierungspartners und im Zeichen der Entspannung die Marschrichtung für eine neue Bonner Ostpolitik festlegte. Den ersten Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung, die dann zum Bruch führte mit Willy Brandts Formel von der "Anerkennung beziehungsweise Respektierung der Oder-Neiße-Grenze bis zu einem Friedensvertrag", die im März 1968 auf dem Nürnberger Parteitag verkündet wurde. Damals verließ Rehs den Saal – aus Protest, sagt er, weil er erkältet war, sagen andere. Die Verbitterung unter den Vertriebenen war alsbald zu spüren.

Schon damals gaben einige Landsmannschafts-Funktionäre offen zu: Es bleibe nur noch die NPD. Die baden-württembergische Landtagswahl vonHerbst 1968 gab den Warnern vor einem Rechtsruck der Vertriebenen recht: In ihren Hochburgen errangen Thaddens Radikale 10,7 Prozent der Stimmen (bei einem Durchschnitt von 9,8 Prozent); in den Vertriebenenwohngebieten büßte die SPD jeden zweiten Vertriebenen als Wähler ein.

Damit nicht genug: Rehs zog sich, nachdem er in Berlin-beim "Tag der Heimat" unfreiwillig mit NPD-Abgeordneten paktiert hatte, den Zorn des Kieler SPD-Landesvorsitzenden Steffen zu, der ihn des Faschismus verdächtigte und ihm, obwohl er sich selber einmal mit NPD-Vertretern zusammengesetzt hatte, zur Strafe eine neue Kandidatur streitig machte. Rehs bat beim Parteivorstand darum, ihn in einem anderen Wahlkreis oder auf einer anderen Liste aufzustellen. Es blieb bei Versprechungen und hinhaltenden Zusagen. Dann gab Rehs auf: Er trat zur CDU über. Nun kandidiert er, nachdem sich Kiesinger und Heck für ihn eingesetzt hatten, in dem sicheren niedersächsischen Wahlkreis Verden (Aller), der früher dem Minister a. D. von Merkatz gehörte.

So gestärkt, mit dem Vertriebenen-Präsidenten Reinhold Rehs, zieht die Union in den Wahlkampf; ein bis zwei Prozent Stimmenzuwachs sind ihr mit dem neuen Mann sicher. Sie vereint derzeit in ihren Reihen die größte Zahl prominenter Vertriebener: außer Rehs den Pommern-Präsidenten Hans Edgar Jahn, den Sudetendeutschen-Sprecher Walter Becher und den Oberschlesier-Vorsitzenden Herbert Czaja.