Von Peter Stähle

Tokio, im Mai

Achthundert Gäste in Smoking, Kimono oder Uniform, vor allem Prominente Japaner aus Politik, Wirtschaft und Kultur, dazu die ausländischen Diplomaten in Tokio – sie labten sich unter Lampions an Brezeln und Berliner Pfannkuchen, standen vor Buden mit der bunten Aufschrift "Bratwurst" oder "Dortmunder Union Beer" Schlange, stemmten vor bayerischen Trachtenfiguren Maßkrüge und ließen sich die Gläser mit Moselwein auffüllen. Bonns sprachkundiger Botschafter Franz Krapf, in Japan hochgeschätzt, hatte zu Ehren des Bundeskanzlers in den weiten Park seiner Residenz gebeten.

Im Partyprotokoll für die deutsche Delegation, zu der die Staatssekretäre Duckwitz (Auswärtiges Amt) und Diehl (Presseamt) gehörten, war vermerkt: "18.20 Uhr Eintreffen der (in Japan meist zu früh kommenden) Gäste." Über zwei Stunden lang mußten Kurt Georg Kiesinger und Frau Marie-Luise, ebenso der japanische Ministerpräsident Sato mit Gattin, Hände schütteln. Jedermann wollte auf der Gartenterrasse durch die "Wurstmaschine" gedreht werden, wie ein Botschaftsmitglied anerkennend spöttelte.

Um dem Bonner Regierungschef, der als dritter deutscher Repräsentant (nach Adenauer 1960 und Lübke 1963) in Japan offizielle Visite machte, günstiges Echo zu sichern, hatte die Deutsche Botschaft an die ausländischen Journalisten einen fünfseitigen Lebenslauf verteilt. Darin wurde Kiesinger ("er träumte, ein Dichter zu werden") ähnlich wie Gerstenmaier als Anwärter auf eine nach 1933 von den Nazis vereitelte Professur vorgestellt, als Parteimitglied, das sich von der NSDAP distanzierte und als denunzierter Widerstandskämpfer; der nach dem Scheitern der Verschwörung vom 20. Juli 1944 "jede Anstrengung unternahm, den Widerstand auf neuen Linien zu reorganisieren" (englisches Original nebenstehend).

Selbst CDU-Wahlmanager und das Bonner Presseamt hatten sich bisher gescheut, die Prestigetünche so dick wie in dem englischsprachigen "Landmarks in the life of Kurt Georg Kiesinger" aufzutragen: "Man kann schon, jetzt sagen, daß er der deutsche Regierungschef der Nachkriegszeit ist, in dem Idealismus und Realismus, Instinkt und gesunder Menschenverstand, Brillanz und Präzision der Formulierung von Absichten wie bei keinem seiner Vorgänger vereint zu finden sind." Immerhin wurden dem Superkanzler als "international bekannte Mitglieder", seines Kabinetts nur zwei Christdemokraten (Schröder und Strauß), aber drei Sozialdemokraten (Brandt, Wehner und Schiller) zur Seite gestellt.

Auch ohne hektographierten Weihrauch hätte Kiesinger in Kyoto und Tokio nur offene Türen gefunden. Unbelastet von bilateralen Differenzen oder Begegnungen mit schwierigen Gesprächspartnern genoß der Kanzler den Fünf-Tage-Besuch in einem Staat, dessen Volk und Führer Bonn und den Deutschen mehr Sympathie und Bewunderung als jeder europäische Nachbar entgegenbringen. Anscheinend unberührt von einem fast zwanzigstündigen Tagflug, von Klimagrenzen und Zeitverschiebungen, betreut von Lübkes Reisearzt Professor René Schubert aus Nürnberg, stieg der Kanzler aus dem Bundeswehrjet. Minister Schröders Boeing "Hans Grade" hatte ihn mit Zwischenlandung auf der US-Air-Force-Base Elmendorf bei Anchorage in Alaska über den Nordpol zum Spalier vieler hundert weißer Fähnchen mit der roten aufgehenden Sonne getragen.