Wir waren Nigerianer. Jetzt sind wir Biafraner. Wir waren stolz, Bürger des größten afrikanischen Staates zu sein. Wir stellten uns Nigeria als zuverlässige Demokratie, als fortschrittlichen, wirklich unabhängigen Staat vor, der ganz Afrika glänzendes Vorbild sein sollte. Wir taten unser Bestes, aber wir wurden tief enttäuscht. Wir waren gezwungen, unsere Heimat zu verlassen, in der wir aufwuchsen, wo wir so viele Freunde hatten, wo wir zur Schule gingen.

Es war vieles in Unordnung in Nigeria. Die Jugend wußte darum, aber sie konnte die Entwicklung kaum ändern. An der Universität von Ibadan (West-Nigeria), an der ich immatrikuliert war, gab es fast nur Studenten aus dem Süden (gemeint sind die West- und Ostregion). Die wenigen Studenten des Nordens, meist der feudalen Elite entstammend, zogen ein Studium im Ausland vor. Damals hatte ich den Wunsch, in Nordnigeria zu arbeiten, obwohl man im Norden Bewerber aus dem Süden diskriminierte. Nördliche Freunde warnten mich, allzu offen meine Absicht auszusprechen, mich dort für die Ausbildung der Mädchen und das Stimmrecht der Frauen einzusetzen. Die feudale Elite Nordnigerias lehnt nämlich die Emanzipation der Frau ab. Ich erinnere mich noch, wie mir jemand sagte: "Es ist zu gefährlich, Sie in den Norden zu lassen. Es darf dort keine Revolution geben; wer dort versucht, die bestehende Sozialstruktur zu stören, riskiert Kopf und Kragen."

An der Universität von Ibadan kam ich mit vielen der bedeutendsten Intellektuellen Nigerias zusammen, auch mit Wole Soyinka, dem größten Schriftsteller und Dramatiker Nigerias. Schon vor dem Januar-Putsch 1966 hatte er es gewagt, die Mißstände Nigerias offen zu kritisieren, und war deswegen vorübergehend verhaftet worden. Als er sich Ende 1966 über die Ermordung der 30 000 Ostnigerianer im Norden des Landes empörte, wurde er wieder eingesperrt. Er sitzt noch heute gefangen, wenn er nicht inzwischen, wie ein Gerücht wissen will, im Gefängnis umgekommen ist. Seine Frau, die mit mir zusammen studierte, hat sich immer wieder an Amnesty International gewandt, um das Leben ihres Mannes zu retten.

Peter Enahoro, ein anderer junger Schriftsteller, den ich ebenfalls in Ibadan traf, lebt heute in freiwilligem Exil. Er war Herausgeber der größten Tageszeitung Nigerias, der "Daily Times", in Lagos. Als er öffentlich verkündet hatte, daß die Massaker an den Menschen aus dem Osten durch Politiker aus dem Norden, durch hohe Staatsbeamte des Bundes und deren britische Helfer geplant worden seien, blieb ihm nur die Alternative, zu schweigen oder zu gehen. Wer heute in Nigeria gegen Unrecht Stellung nehmen will, dem bleibt nur diese Möglichkeit.

Der Staatsstreich der jungen Offiziere im Januar 1966 war ein letzter Versuch eines Teiles der nigerianischen Jugend, das Land den Händen unfähiger, bestechlicher und vom Ausland abhängiger Politiker zu entreißen. Als 1965 die Bundeswahlergebnisse schamlos gefälscht wurden, hatte die Studentenunion der Universität von Nigeria (der jetzigen Universität von Biafra) vor Gericht die Legitimität der Regierung angefochten. Ein hoffnungsloses Unternehmen gegenüber einem Gericht, das von derselben Regierung kontrolliert wurde! Arbeiter und Studenten waren auch im Westen gescheitert, als sie versuchten, den Volkswillen durchzusetzen. Deshalb wurde der Staatsstreich der jungen Offiziere im gesamten Süden, aber auch von den progressiven Nigerianern des Nordens begrüßt. Daß man diese Zustimmung später nur den Ibos zuschrieb, war eine geschickte Erfindung der abgesetzten Politiker und ihrer britischen Berater.

30 000 Menschen aus dem Osten wurden 1966 in Nigeria liquidiert. Ich habe das Massaker überlebt, obgleich Verwandte von mir umkamen. Aber ich konnte nicht mehr in Westnigeria bleiben. Immer wieder kam es zu Bedrohungen und militärischen Kontrollen. Eines Abends, als ich von Lagos nach Ibadan zurückkehrte, wurde ich von einem Soldaten angehalten: "Halt! Welches Volk?" "Ich bin Nigerianerin", antwortete ich. Er lachte. Für ihn gab es kein nigerianisches Volk. In jedem Fall war ich "nyamiri", die Fremde aus dem Süden. Wie konnte ich behaupten, Nigerianerin zu sein! Ich hätte sagen müssen: "Ibo", "Ibibio" oder was auch immer. Zum Glück wurde ich nicht lange festgehalten. Einige meiner nigerianischen Freunde – manche von ihnen genossen besondere Rechte – sahen meine Situation, wagten aber nicht, mir zu helfen. Von jetzt an lernte ich, meine Identität zu verbergen. Ich gab vor, Amerikanerin zu sein oder Bürgerin von Sierra Leone.

Viele junge Leute kehrten unter dem Hohn ihrer früheren Nachbarn und Freunde in ihre östliche Heimat zurück. Schließlich ging auch ich nach Enugu und sah, wie die Verfolgten aus dem Westen und Norden Nigerias mit dem Flugzeug, dem Auto und der Bahn ankamen. Viele Kinder waren verstümmelt. Eine Frau umklammerte den Kopf ihres enthaupteten Kindes. Ich wagte trotz dieser Eindrücke noch einmal, nach Ibadan zurückzukehren und beschrieb meinen Freunden, die zu dem Kreis um Pastor Dr. James O’Connel gehörten, das Schicksal meiner engeren Landsleute. Noch immer dachte ich an ganz Nigeria, als ich sie aufforderte, diesen Morden und Verfolgungen entgegenzutreten. Einige zeigten Mitgefühl. Im ganzen aber war es hoffnungslos, denn im Norden hatten sich Studenten an der Ermordung ihrer ostnigerianischen Kommilitonen beteiligt, und im Westen dachten die Intellektuellen in Ibadan und Lagos an ihre Aufstiegschancen, als die Leute aus dem Osten zur Flucht gezwungen wurden.