Vergleicht man das erste Buch der "Krebsstation" mit dem zweiten –

Alexander Solschenizyn: "Krebsstation", zweites Buch, aus dem Russischen von Christiane Auras und Agathe Jais; Luchterhand-Verlag, Neuwied; 327 S., 18,– DM

so könnte man geneigt sein, dem ersten den Vorzug zu geben. Es erscheint straffer in der Komposition, klarer in der Aussage, schärfer in der Verteilung der Akzente.

Doch dieser Eindruck täuscht. "Krebsstation", Teil II, ist vielleicht das doppelbödigste und sicherlich das traurigste Buch, das die sowjetische Literatur heute aufzuweisen hat; tabu für den Innengebrauch, frei verfügbar für das interessierte Ausland, das dem Werk wiederum nicht jenes Verständnis entgegenbringen dürfte wie der verhinderte sowjetische Leser, weil hier, unter Mißachtung aller ästhetischen Kategorien und daher bestimmte Schlüsselmotive immer wieder umständlich repetierend, eine verbotene gesellschaftliche Realität abgeklopft wird.

"Krebsstation", Teil II, bricht mitten in der Handlung und der Entwicklung seines Helden, des ehemaligen Lagerhäftlings Kostoglotow, ab, der ebenso wie sein Widersacher im Fleische und im Geiste, der Funktionär Rusanow, in einem Provinzkrankenhaus in Sowjetasien behandelt wird. Das heißt, die Krankheit, der Krebs, schafft für den Ausgestoßenen und für den Bevorzugten die gleichen Daseinsberechtigungen. Sie fesselt sie aneinander, durch dasselbe Zimmer, die gleichen Medikamente, die gleichen sanitären Verhältnisse, die gleichen Schmerzen und Hoffnungen. Daraus entstehen Reibung, Haß, ein permanenter Kleinkrieg, der nie zu Ende ausgetragen wird, weil er sich im Wartezimmer des Todes abspielt.

Dann scheint die Waagschale des Schicksals ins Wanken zu geraten. Bei Kostoglotow schlagen die Bestrahlungen an, bei Rusanow nicht. Die Signalmeldungen aus Moskau – die Ablösung des gesamten Richterkollegiums des Obersten Gerichts, die beginnende Massenrehabilitierung der politischen Häftlinge – entzücken den Denunzierten und entsetzen den Denunzianten. Doch Solschenizyn wäre nicht Solschenizyn, wenn er dem Happy-end nicht einen Dämpfer aufsetzte. Er tut das unter Zurücknahme alles dessen, was er im ersten Teil so kunstlos aufgebaut hat: die übersichtliche Scheidung von Tod und Leben, Recht und Unrecht, Haß und Liebe, Freiheit und Knechtschaft.

Rusanow wird entlassen; er glaubt: in das Leben. In Wirklichkeit entläßt man ihn in den sicheren Tod, in das lange, weichgepolsterte und daher qualvoll verlängerte Sterben des "reichen" Mannes. Auch Kostoglotow, der "ewig" Verbannte, wird entlassen, und zwar in das Leben; der Preis für die Heilung ist Impotenz und damit wiederum Verzicht auf das Leben. Es gibt wohl nichts Schrecklicheres als die Schilderung dieses Verzichts; getarnt als Frühlingsspaziergang in die trügerische Freiheit mit Stadtbummel, Schaschlik- und Eisessen; mit einem Warenhausbesuch, der ihn, zum erstenmal nach langen Jahren, dem eigenen Konterfei in einem Standspiegel und damit dem visuellen Schock des eigenen physischen Verfalls gegenüberstellt; mit einem Zoo-Besuch, der vor dem Käfig eines blinden Rhesusaffen endet; mit einem Rendezvous, das nicht zustandekommt; mit der alptraumhaften Eisenbahnrückfahrt in die asiatische Provinz, die Wüste der Verbannung. Kurzum: eine Irrfahrt durch das Labyrinth der Hoffnung, das in die uferlose Traurigkeit, die Ambivalenz eines Finales mündet, in dem Zuversicht und Resignation einander aufheben: "Andere hatten die Krankheit nicht überstanden. Aber er. Er würde nicht an Krebs sterben. Auch die Verbannung würde bald wie eine Eierschale von ihm abfallen ..." Und dann – und mit diesen Worten schließt das Buch: "Ein böser Mensch hatte dem Makak-Rhesus Tabak in die Augen gestreut. Nur einfach so."