Besonders großen Wert legte er darauf, stets peinlich korrekt gekleidet zu sein. Nicht eigentlich aus Eitelkeit, vielmehr um seine gute Bürgerlichkeit zu unterstreichen, seine absolute Ehrbarkeit. Sein Stolz war das reichhaltige Tafelgeschirr, das sich seit langem im Familienbesitz befand und mit dem er seine Gäste überraschte. Er hatte es gern, daß Leute ihn besuchten (nicht, weil er etwa besonders gastfreundlich gewesen wäre, sondern aus demselben Grunde, aus dem er sich so korrekt kleidete), und er brüstete sich, viele Prominente in seinem Hause bewirtet zu haben.

Allzugern kamen die Leute allerdings nicht zu ihm; es störte sie, daß der Gedanke an ein gewaltsames Ende in seiner Gegenwart nur schwer zu unterdrücken war. Immerhin galt es nicht mehr als unabwaschbare Schande, in seinem Hause Gast zu sein. Das war nicht nur zu Zeiten seines Vaters und seines Großvaters so gewesen, von denen er sein Amt geerbt hatte, sondern noch während der meisten Jahre seiner eigenen Amtsperiode. Die ganze Familie galt als anrüchig, als verfemt, und das prächtige Tafelgeschirr war ihr heimlicher Ausgleich gewesen. Er war schon fast fünfzig, als sein Amt kraft Gesetzes eine neue Bezeichnung erhielt und für "durchaus ehrenvoll" erklärt und ihm selber der Rang eines gehobenen Staatsbeamten zuerkannt wurde. Seitdem wußte er, daß sein ältester Sohn, der ihm nachfolgen sollte, es einmal besser haben würde als er. Das Gesetz, das ihn und seine Familie den anderen Bürgern gleichstellte, verbot es ausdrücklich, sein Amt oder seine Person zu beleidigen. Als eine Zeitung ihn mit der alten Berufsbezeichnung nannte, empfand er das als ehrenrührig und verklagte sie mit Erfolg auf Schadensersatz.

Die Aufwertung seines Amtes brachte ihm aber noch andere Sorgen. Sie war schließlich nicht zufällig erfolgt, sondern in der richtigen Voraussicht, daß in seinem Beruf eine Hochkonjunktur bevorstand. Tatsächlich konnte er seine Arbeit bald schon nicht mehr mit den üblichen zwei Gehilfen schaffen. Ständig mußte er sein Personal vermehren. Doch war es schwer, neues Personal zu bekommen. Denn seine Kollegen in den anderen Städten litten unter derselben Hochkonjunktur. Auch sie klagten über Personalmangel. Und das Personal wußte die Lage für sich auszunutzen: Man ging zu dem, der am besten zahlte.

Hier aber lag für ihn die wirkliche Schwierigkeit. Denn seine Aufgabe war es, mit der anfallenden Arbeit auf jeden Fall fertig zu werden. Die erforderlichen Unkosten für die Gehilfen, für Pferde und Pferdekarren, für das notwendige Geschirr mußte er von seinen Bezügen vorschießen. Zwar ersetzte ihm die Staatskasse seine Auslagen, aber erst sehr viel später. So kam er in Druck, und hilfesuchend wandte er sich mit einem Schreiben an seinen Vorgesetzten. Darin Heß es:

"Der Dienst zwingt mich, eine Anzahl Personen zu haben, die imstande sind, die Befehle zu erfüllen, die ich erhalte. Da ich persönlich nicht überall sein kann. Ich brauche sichere Leute. Denn das Publikum will noch mehr Anstand. Ich bin es, der dafür zahlt. Um für diese Arbeit die richtigen Leute zu haben, wollen sie den doppelten Lohn des vorigen Jahres. Und dann haben sie mir letzten Samstag mitgeteilt, wenn ich sie nicht mindestens um ein Viertel aufbessere, könnten sie diesen Dienst nicht mehr machen... Meine gegenwärtige Bitte ist, daß es schon acht Monate her ist, daß ich der Gerichtskasse Abrechnungen über Ausgaben und Kosten gegeben habe, die mir zu allen Zeiten gezahlt worden sind nach dem Tarif, den ich davon geliefert habe, ich kann nicht dazu kommen, dieses Geld zu kassieren ... Mein beschränktes Vermögen, sogar, wage ich zu sagen, verschuldet, erlaubt mir folglich nicht mehr, Vorschüsse zu machen... Ich habe nur noch Zuflucht zu Ihnen, um die Zahlung, die mir geschuldet wird, befehlen zu lassen, ohne welche nachher die Opfer, die ich gemacht habe, um bis heute den Dienst meines Amtes genau auszuüben, den Umsturz meiner ganzen Existenz verursachen werden und meinen unvermeidlichen Ruin, indem sie mich zwingen, meinen Posten und meine Familie aufzugeben, nach zweiundvierzig Jahren eines solchen Dienstes..."

Nun, er brauchte den Dienst nicht zu quittieren. Es ist auch kaum vorstellbar, daß er überhaupt fähig gewesen wäre, einen "solchen Dienst" aufzugeben. Er hat – darüber gibt es glaubwürdige Augenzeugenberichte – seine Arbeit immer mit größter Korrektheit getan. Auch noch in der Zeit der absoluten Hochkonjunktur, als er und seine Gehilfen täglich bis zu siebzigmal in Aktion treten mußten.

Was wohl hätte er, wenn er sein Amt nach zweiundvierzig Jahren aufgegeben haben würde, anderes tun sollen? Sein privates Hobby war seinen beruflichen Pflichten fatal verwandt; seine ganze Leidenschaft galt der Jagd. Im Endeffekt tat er also in seiner Freizeit (wenn er welche hatte) dasselbe wie im Dienst.