Obwohl in den Börsensälen die Meinung vorherrscht, daß gegen Ende des Jahres eine Wechselkurskorrektur unvermeidbar wird, sieht man den nächsten Wochen recht optimistisch entgegen. Zu der herrschenden Hochstimmung haben die ungewöhnlich rasch vollzogenen Käufe ausländischer Gruppen auf dem deutschen Aktienmarkt entscheidend beigetragen. Aus den Portefeuilles der Kreditinstitute, einiger Kapitalsammelstellen und privater Wertpapierbesitzer sind Millionenbeträge abgeflossen.

Jetzt stellt sich die Frage: Wohin mit diesen Mitteln? Kommt es zu einer Fortsetzung der Auslandskäufe, was nicht ausgeschlossen werden kann, so wird auch ein Teil der jetzt durch Effektenverkauf frei gewordenen Gelder wieder an die Börse zurückkehren. Da selbst die Fonds neuerdings dazu neigen, den deutschen Aktien noch Kurschancen einzuräumen, könnte es dann zu einer gefährlichen Kursexplosion kommen.

Wir haben eine ähnliche Situation wie 1960, nur mit dem Unterschied, daß unsere heutigen Aktienkurse im internationalen Vergleich eher unter- als überbewertet sind. Aber wir müssen davon ausgehen, daß bei einer eventuellen Aufwertung, aber auch bei einer langen Fortsetzung der restriktiven Bundesbankpolitik ein allgemeiner Kursrückgang unvermeidlich sein würde. Wir wissen aber auch, daß die Bundesbankmaßnahmen (Diskonterhöhung und jetzt die Heraufsetzung der Mindestreserven) in der gegenwärtigen Situation nicht einmal von symbolischer Bedeutung sind. Deshalb fühlt man sich in den Börsensälen so sicher. "Wir gehen einem interessanten Sommer entgegen", das ist die einhellige Ansicht. K.W.