Von Kurt Wendt

Der verjüngten Mannschaft der deutschen Großbanken, die in der letzten Ausgabe der ZEIT vorgestellt wurde, ist sozusagen über Nacht ein großer Gegenspieler entstanden: Ludwig Poullain, Chef der größten Girozentrale des Bundesgebietes, der Westdeutschen Landesbank. Völlig unbelastet von verstaubten Traditionen, aber mit einer Geldfülle hinter sich, wie sie nur wenige deutsche Banken aufzuweisen haben, ist er ein äußerst geschmeidiger Mann, der sich nicht in den öffentlich-rechtlichen Bereich einmauern läßt. Poullain will mehr als Hausbankier des größten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen sein. Er hält nichts von der These, nach der sich die Landesbanken und Sparkassen auf ihren "zuständigen" Bereich beschränken müssen. Er will die Sparkassenorganisation, an deren Spitze er als Nachfolger von Fritz Butschkau getreten ist, zu neuen Ufern führen, ins große Kreditgeschäft, ins internationale Finanzgeschäft und vor allem auch ins Effektengeschäft – zum Entsetzen vieler treu dienender Sparkassendirektoren.

Dabei ist Poullain (Jahrgang 1919) im Grunde einer der ihren. 1937 begann er seine Karriere als Sparkassenlehrling in Remscheid-Lippe und stieg nach etlichen Zwischenstationen im Sparkassenbereich 1966 zum Generaldirektor der Landesbank für Westfalen Girozentrale, Münster, auf, wie man behauptet ohne Parteibuch und ohne Parteienproporz. Poullain ist aus dem jahrelangen Streit zwischen Banken und Sparkassen unbelastet hervorgegangen. Seine Bemühungen, mit der "gegnerischen Verbandsspitze in Kontakt zu bleiben" haben zweifellos eine neue Ära im deutschen Kreditwesen eingeleitet. Das Freund-Feind-Verhältnis ist entschärft worden.

In Düsseldorf hatte man schon frühzeitig die Qualitäten des Sparkassenkometen Poullain erkannt. Aber wie konnte man ihn von Münster nach Düsseldorf bringen? Das war nur durch eine Fusion der beiden nordrhein-westfälischen Landesbanken möglich. Kenner der Bankenmaterie wollen wissen, daß die Vereinigung der Landesbank Münster mit der Rheinischen Girozentrale und Provinzialbank, Düsseldorf, noch Jahre hätte auf sich warten lassen, wenn nicht der Fall Poullain gewesen wäre.

Keine Fusion vollzieht sich ohne Spannungen. Sie gibt es auch in Düsseldorf, wo innerhalb des Vorstandes der Rheinischen Girozentrale andere Vorstellungen über die Nachfolge von Butschkau als "Geschäftsführender Direktor" bestanden haben. Aber Poullain ist ein Mann, der mit Widerständen fertig wird. Unter denen, die sich Nachfolgechancen ausgerechnet haben, befindet sich auch Vorstandsmitglied Professor Dr. Helmut Lipfert. Intime Kenner der Verhältnisse in der Westdeutschen Landesbank halten es für möglich, daß Lipfert eines Tages nach einer selbständigeren Position streben wird. Nach der Ernennung von Dr. Johannes Völling zum Stellvertreter Poullains sind Lipferts weitere Aufstiegschancen innerhalb seines Hauses auf den Nullpunkt gesunken.

Poullain ist im Bereich der öffentlich-rechtlichen Kreditanstalten keineswegs der einzige Mann mit Ideen. Seit Jahren macht auch der Präsident der Braunschweigischen Staatsbank, Dr. Karl Düwel, von sich reden. Die relativ engen Grenzen, die seinem Institut durch seine regionale Lage gezogen sind, versucht er durch Aktivitäten im industriellen Bereich, aber auch durch Beteiligungserwerb an privaten Banken zu sprengen. Ihm ist es zuzuschreiben, daß die ehemalige Bank des Münchner Finanzmaklers Münemann, die Investitions- und Handels-Bank AG, Frankfurt/Main, jetzt im öffentlich-rechtlichen Bereich eine Refinanzierungsquelle findet, die ihr weder Münemann noch der nachfolgende Großaktionär, die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft, zu bieten vermochte. Die Braunschweigische Staatsbank ist an der IHB mit mehr als 25 Prozent beteiligt.

Aber was wird aus dem Braunschweiger Institut, wenn der Plan von der Schaffung einer großen niedersächsischen Staatsbank verwirklicht werden sollte? Wird Düwel dann noch eine ebenso dominierende Rolle spielen wie in Braunschweig? Es ist kein Geheimnis, daß Düwel – wie jede dynamische Persönlichkeit – zahlreiche Neider, um nicht zu sagen, Widersacher hat.