Gesucht wird weiter nach einem überragenden Sprinter. Vielleicht stößt der blonde Jochen Eigenherr endgültig in die Weltelite vor. Talente sind Läufer wie Thomas Jordan, Franz-Peter Hoffmeister oder der erst 16jährige Kreuznacher Rabel. Von dem 400-m-Läufer Martin Jellinghaus behaupten Experten, er stehe vor seiner besten Saison. Müller, Hennige und Kinder starten weiterhin, und so bleibt die 4 × 400-m-Staffel, die in Mexiko die Bronzemedaille in neuer Europarekordzeit gewann, zusammen.

Der DLV-Trainer für die Mittelstrecken, der energiegeladene Paul Schmidt, schwärmt von der überragenden Organkraft des 800-m-01ympiavierten Walter Adams. Dagegen ist Franz-Josef Kemper nach einer Nierenoperation geschwächt und noch keineswegs in Form. Das belebende Element auf den Mittelstrecken wird der trainingsbesessene Jürgen May sein. 1965 war er der große Star in der DDR, lief Welt- und Europarekorde. Doch schon 1966 bei den Europameisterschaften in Budapest fiel er in Ungnade, floh später in die Bundesrepublik, wurde von der IAAF prompt gesperrt und durfte erst im Januar dieses Jahres wieder starten. May, jetzt Sportlehrer in Hanau, ist von der Idee geradezu besessen, jenen, die seine Karriere zerstören wollten, zu beweisen, daß er noch immer zur Weltklasse zählt.

Der Berliner. Europameister Bodo Tümmler litt wochenlang an einer Achillessehnenreizung, ist jedoch auf dem besten Wege zu einer guten Form. Harald Norpoth bereitet sich ebenfalls auf diese Saison zielstrebig vor, und es ist anzunehmen, daß das Quartett Adams–May–Tümmler–Norpoth die Rekordlisten tüchtig durcheinanderschütteln wird.

Das große Ziel dieser kampferprobten, cleveren Läufer ist jedoch die Europameisterschaft vom 16. bis 21. September in Athen. Der Termin ist spät, die deutschen Spitzenläufer werden zumeist erst im August ihre beste Form anstreben, um dann in Athen zu versuchen, mehr als zwei Titel – wie 1966 in Budapest – zu erringen.

Gute Zeiten sind auch von den beständigen Hürdenläufern Trzmiel über 110 m Hürden und von dem Trio Gerhard Hennige, Reiner Schubert und Gerhard Lossdörfer über 400 m Hürden zu erwarten. Gerhard Lossdörfer ist nach zwei Operationen an der Achillessehne bemüht, seine Leistungskraft von 1966, als er in Hannover auf Anhieb den deutschen Rekord mit 49,9 Sekunden egalisierte, wiederzufinden. Fortschritte sind auch von den jungen Weitspringern, von dem jungen Hochspringer Thomas Zacharias und von den talentierten Stabhochspringern Schiprowski und Engel zu erwarten.

Im Lager der Werfer bleibt der Kugelstoßriese Heinfried Birlenbach die große Hoffnung. Das Diskustalent Dirk Wippermann ist nach Ausheilung einer schweren Achillessehnenverletzung auf dem Wege zu Würfen über 60 Meter. Eine Marke, die der 22jährige Münsteraner Hennig schon Mitte Mai völlig überraschend übertraf. Auch die Hammerwerfer, das zeigen die ersten Resultate, haben nicht geschlafen, und vielleicht hat der DLV mit Uwe Beyer, der jetzt in Leverkusen arbeitet und im Herbst sein Sportlehrerstudium in Köln aufnehmen wird, Hans Fahsl und Lutz Casper gleich drei 70-m-Werfer.

Zehnkampftrainer Heinz Oberbeck feierte einen glänzenden Einstand als Nachfolger von Friedel Schirmer. Seine kritischen Athleten loben Oberbecks pädagogische Fähigkeiten, sein Fachwissen und seine verbindliche Art. Der Trainer selbst gibt sich nur gedämpft optimistisch. Weltrekordmann Kurt Bendlin hat zwar noch einen Trainingsrückstand, ebenso der Olympiazweite Hans-Joachim Walde. Aber Oberbeck rechnet mit beiden bei den Europameisterschaften in Athen.