Von Jürgen von Lossow

Vier Zeilen stark war die Meldung in deutschen Zeitungen, daß die Basketball-Nationalmannschaft der Bundesrepublik in Saloniki bereits an der Qualifikation zur nächsten Europameisterschaft in Neapel bei Niederlagen gegen Griechenland, Israel, Österreich und nur einem Sieg gegen Finnland sang- und klanglos gescheitert ist.

Vier Zeilen in der deutschen Presse spiegeln die Popularität des Basketballsportes hierzulande wider. Popularität spiegelt sich ja in den Zuschauerzahlen wider. Fehlende Zuschauer – das ist nunmehr schon eine Binsenweisheit – sind wiederum ein untrügliches Zeichen für den Leistungsstandard dieser Sportart.

Also schließt sich die logische Kette: vier Zeilen Berichterstattung, höchstens dreistellige Zuschauerzahlen (der Durchschnitt liegt in der Bundesliga bei 300) – bestenfalls drittklassiger Basketball.

Und die Gegenprobe? Im Durchschnitt mehr als zwanzigtausend Zuschauer pro Spiel, seitenlange Berichterstattung, all dies in den USA; also müssen die USA an der Weltspitze, liegen. Noch nie verloren die Amerikaner bei Olympischen Spielen auch nur ein Match. Basketball ist olympische Sportart und der Deutsche Basketballverband ist der leistungsschwächste „olympische“ Verband überhaupt. Noch niemals gelang wenigstens eine Qualifikation. Erst einmal durfte man teilnehmen: 1936 in Berlin als Veranstalter. Daß dieses „Dürfen“ 1972, dann nämlich, wenn wir wieder Veranstalter sind, zu einem qualvollen „Muß“ werden kann, dessen ist sich der ehemalige Bundestrainer und jetzige Verantwortliche für die Junioren, der Türke Bilek, fast sicher: „Ich befürchte nach diesem Qualifikationsturnier in Saloniki, bei dem wir allerdings um einen Sieg gegen Griechenland durch die Schiedsrichter betrogen wurden, wie selbst die Griechen zugestanden haben, daß es auch in München 1972 eine olympische Pleite geben wird.“

Mit dem augenblicklichen Leistungsstandard wird es der Bundesrepublik nicht möglich sein, auch nur ein Spiel gleich gegen welchen Gegner beim olympischen Turnier 1972 zu gewinnen. Seit 1936 läuft der deutsche Basketballsport hinter einer Aufwertung her, wie Minister Schiller hinter der Mark. Bislang gelang es, erst einen Weltklassebasketballer hervorzubringen, den Mainzer Terry Schober – doch der ist Schiedsrichter und nützt der Nationalmannschaft wenig.

Gewiß, seit dem Kriege kann, absolut gesehen, eine Leistungssteigerung festgestellt werden, aber relativ ist eher ein Leistungsabfall zu verzeichnen, da sich andere Basketballänder mit unglaublicher Geschwindigkeit entwickeln, während wir immer mehr zurückfallen. So ist die Leistungskluft zwischen den Nachbarländern Frankreich, Italien, Österreich und auch der Ostzone größer denn je.

Was also ist zu tun, um bis 1972 die größten Niederlagen in Grenzen zu halten? Die Antwort muß leider lauten: Nicht viel. Der ehemalige Nationalspieler Claus Jungnickel meinte dazu in einem Artikel des Fachorgans „Basketball“, daß die noch zweigeteilte Bundesliga in eine einteilige von sieben bis acht Mannschaften zu verwandeln sei. Damit erhofft er sich ein gesteigertes Training, das im Augenblick überall in Deutschland nur zweimal in der Woche stattfindet. Die Spitzenklubs hätten dann auch stärkere Gegner, und zwar an jedem Wochenende, so daß sich leichtsinnige Fehler nicht einschleichen könnten.

Ein solcher Schritt wäre wohl der allererste. Der nächste wäre der, die beruflichen Hindernisse der Spitzenkörbewerfer zu beseitigen. Bundestrainer Bilek meinte dazu: „Das Gesellschaftssystem der Bundesrepublik ist schuld an dem Versagen der Nationalmannschaft in Saloniki.“ Tatsächlich fehlten mit dem Münchner Krüger und dem Heidelberger Urmitzer aus beruflichen Gründen in Saloniki zwei Spieler, denen schon das Prädikat Europaklasse verliehen worden war. Der Nationalmannschaftstrainer, der Tscheche Dr. Kriz, müßte aber alle Spieler jahrelang vorher in Lehrgängen schulen, wenn er 1972 auch ein wenig Erfolg haben will. Was aber kann er tun, wenn die Besten statt Körbe zu schießen diese der Nationalmannschaft erteilen müssen.

Der entscheidende Schritt zur Hebung des Spielniveaus kann nur durch eine Schulung der Acht- bis Zehnjährigen erreicht werden. Wer mit zehn Jahren nicht schon fast ein perfekter Balltechniker ist, kann niemals in die Weltspitze vordringen. Die Parallelen im Fußball bieten sich an.

Daher ist der Volksschullehrer, der mit Kindern dieses Alters zu tun hat, wie auch der Gymnasiallehrer anzusprechen. Hier liegt der entscheidende Vorteil unserer Nachbarländer. Von 100 Volksschullehrern kennt höchstens einer die gar nicht so schwierigen Basketballregeln. Wie soll er da die Schüler begeistern, obwohl doch Basketball ausdrücklich auf dem Lehrplan steht? Mangelnde Begeisterung beim Lehrer fördert Desinteresse beim Schüler, die begabten wandern ab zum Fußball, wo sie unter Umständen nicht so erfolgreich sind, oder geben den Sport ganz auf.

Der Volksschullehrer ist daher zunächst einmal selber mit Basketball vertraut zu machen. Eine Basketballfibel mit den einfachsten Grundbegriffen und einigen technischen Hilfen sollte erstellt werden. Eine solche Fibel aber gibt es bisher noch nicht. Der Deutsche Basketballverband (DBB) hat zwar den Minibasketball für Zehnjährige geschaffen. Mit einer Statuierung allein ist jedoch noch nichts getan. Es gibt zwar Filme von amerikanischen Spielen, sie erfordern jedoch eine aufwendige Vorführapparatur. Man sollte sich überlegen, ob; es nicht einfacher und lehrreicher wäre, auch für die Fortgeschrittenen Ringfilme nach der Art, wie sie Toni Nett schon seit Jahren in der Leichtathletik so erfolgreich praktiziert, herzustellen.

Der DBB gibt im Monat zweimal sein Fachorgan „Basketball“, das in einer Art Lehrbeilage hervorragende Artikel und Skizzen des Bundestrainers Dr. Kriz enthält, heraus. Solches bleibt den Schulen verschlossen, weil sie gar nicht wissen, daß eine solche Fachzeitschrift existiert. Zudem ist die Auflage so klein, daß kaum alle Schulen ein Exemplar erhalten könnten. Um das allgemeine Interesse zu wecken, dürfte es doch nicht so schwer sein, eine höhere Auflage zu erreichen und mit den zuständigen Stellen über eine ständige Abnahme zu verhandeln.

Basketball ist das Spiel der langen Kerls. Eine Mannschaft ohne wenigstens zwei bis drei Spieler, die bis 2,10 Meter groß sind, hat auf dem internationalen Parkett nichts zu suchen. Gegenwärtig erfüllen jedoch nur der Münchner Krüger (2,09 m), der Mainzer Keller (2,08 m) und der junge Hagener Thimm (2,06 m) diese körperlichen Voraussetzungen. Ihre spielerischen Qualitäten hinken jedoch hinter der Körpergröße um einen halben Meter her. Wie sooft bei großen Spielern fehlt es bei ihnen an der gymnastischen Durchbildung, sie sind auch allgemein zu schwach, um sich mit Kraft in dem Gewühl unter den Körben durchsetzen zu können. Man sieht also, obwohl die Deutschen als Nachkommen der Germanen für diesen Sport prädestiniert sein sollten, fehlt es häuptsächlich an und bei den großen Spielern.

Kein Wunder, daß der Juniorentrainer Bilek in einem Hilferuf erklärte: „Ich nehme jeden 16jährigen in meine Mannschaft auf, sofern er mindestens 1,95 Meter groß ist, denn eine Mannschaft ohne Riesen ist wie eine Armee ohne Luftwaffe.“

Wenn der DBB nur einige der hier aufgestellten Forderungen erfüllen könnte, so müßte auch hierzulande eine steile Aufwärtsentwicklung möglich sein, wobei die ganze Hoffnung auf die Kinder zu setzen ist, denn nur sie können den deutschen Basketballsport aus den Kinderschuhen führen. Sollte gar die Frage aufgeworfen werden: „Sind etwa die Deutschen zum Basketballspiel nicht talentiert?“, so geben deutschstämmige Weltklassespieler in den USA und die Erfolge der DDR-Mannschaft die Antwort darauf.