Vorarbeiten hatte damals schon Paul Poiret geleistet, als er 1908 als junger Mann Korsett und Wespentaille abschaffte und für den befreiten Körper kuriose fließende Gewänder machte, die sich geschmeidig jeder Bewegung anpaßten. Er brachte Durchsichtiges und verwendete Crêpe de Chine, Crêpe Georgette, Chiffon, Spitze und Panne, einen glänzenden, gefügigen Seidensamt. Auf den berühmten Champagnerfesten, die Poiret in seiner Glanzzeit veranstaltete, hatte Isadora Duncan getanzt, wild, barfuß und äußerst spärlich bekleidet.

Picasso, Appollinaire, Proust, Joyce, Cocteau provozierten die Bürger, und die junge Coco Chanel ging ihrem ersten Höhepunkt entgegen: Sie prägte die Anti-Mammon-Eleganz, färbte ordinären Unterwäschetrikot (Jersey) und machte ihn zum Modestoff. Darüber trug sie reihenweise ihre echten Perlen, und zu all dem schnitt sie sich auch noch die Haare kurz. Mit Madeleine Vionnet, der Erfinderin des „Schrägschnitts“, der schmiegsamsten Konstruktion für fließende Gewänder, erlebte das Handwerk der Haute Couture ein Raffinement, das nie mehr erreicht wurde.

Auch östliche und fernöstliche Farben und Muster drangen in die Mode ein (wobei die schönsten Stoffe aus London von Liberty kamen) und trugen Namen wie „Taifun“ (ein japanisch stilisiertes Wellenmuster) oder „Cunard-Line“ (eine Art Patchwork mit Kofferschildchen, die damals in Mode kamen). Die „Wiener Werkstätten“ prägten ihren eigenen Stil, und von 1919 an trat auch das Bauhaus auf.

Sammelbegriff dieser immens fruchtbaren Epoche ist heute: Art Deco. Die Vorarbeiten für 1970 sind bereits im Gange. Schon gibt es auf dem Montparnasse die ersten Art-Deco-Boutiquen, noch spezialisiert auf Möbel und Kunstgewerbe; „Kleider aus der Zeit“, tatsächlich verlangt, sind eine Rarität. Von der Schwester Brigitte Bardots heißt es, sie habe Trödelkleider erworben – um sie in ihrer eigenen Boutique im Palais Royale zum Stückpreis von 300 Franc weiterzuverkaufen. Ein New Yorker Sammler wiederum, der in einer Boutique auf der Madison Avenue zwei Originalmodelle von Madeleine Vionnet entdeckte, blätterte dafür 1700 Dollar auf den Tisch. Von großem Glück sprechen schließlich die beiden jungen Besitzerinnen der Boutique „Philomene“ in Paris. Sie kamen einer im Kriege in die Normandie verlagerten Kollektion authentischer Art-Deco-Stoffe, die noch vor 1920 datiert werden konnten, auf die Spur. Sie haben sie sofort in Kleider verwandelt.

Viel früher schon hatte freilich Karl Lagerfeld, deutscher Designer der Pret-a-porter-Kollektion von „Cloe“, mit dem Art-Deco-Stil experimentiert. Er ließ Stickereien der Zeit in Plastik statt aus Glas anfertigen, Knöpfe, Gürtelschließen, Clips und Zigarettenetuis in „Silber und Stahl“ oder in Emaille kopieren. Er brachte den enggeschlungenen Turban wieder ins Bild, und seine langen Schals sind mit futuristischen Dekors bedruckt.

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Art Deco ist im Schwange: Paris sah die Bauhaus-Ausstellung, das Finch College Museum of Art in New York zeigt zusammen mit Kunstgegenständen Stoffe der „Wiener Werkstätten“, London präsentiert die Epoche unter dem Motto „The Jazz Age“ im Brighton Central Museum of Art mit Bildern, Möbel, Töpfereien, Gläsern, Schmuck, Kleidern und Accessoires vor präzise kopierten Stoffen als Wandverkleidung. Mistinguettes Schuhe und Josephine Bakers erste Goldstrümpfe sind zu bewundern, und ein betagter Barkeeper verrät auf Wunsch Cocktailrezepte aus der Zeit, unter anderem auch „bosom caressers“.