Für den Historiker kann der Tag von Scapa Flow der Ansatzpunkt sein, über die Rolle der Hochseeflotte bei Kriegsende einige Reflektionen zu belegen. Friedrich Ruge hat es versucht. Er schreibt nicht nur über den 21. Juni 1919, sondern über Erlebnisse vorher und nachher, ordnet das Datum ein, löst das Ereignis vom Sensationellen. Aber der Versuch gelingt nur unvollkommen. „Scapa Flow 1919“ wird, um es im Fachjargon der Artillerieoffiziere zu sagen, „eingegabelt“: Da liegt eine Salve zu kurz und eine zu weit; doch der Volltreffer fehlt. Der Historiker Ruge tippt nur an, wo er einreißen müßte: Meuterei und Soldatenrat, das kapitulierende Reich und die innenpolitische Reaktion auf den Zusammenbruch, die Realität der Niederlage und die Träumerei jener Offiziere, die noch immer die Kaiserkrone über ihren Ärmelstreifen eingestickt trugen, und so weiter und so fort.

Der Vizeadmiral von Reuter hatte schon 1921 sein Rechenschaftsbuch über „Scapa Flow“ veröffentlicht (Untertitel: „Das Grab der deutschen Flotte“, womit unversehens der mythologische Zug ins Geschehen kam). Selbstverständlich ist der Bericht, den jetzt Friedrich Ruge erstattet, ausgewogener, distanzierter, vollständiger auch. Doch von einem Marinehistoriker, der auch Soziologisches in seiner Optik hat, hätte man mehr Schärfe erwarten dürfen. Dem So-habeich’s-erlebt-Report (den man, die Schlaftablette absorbierend, in einer Nacht herunterliest) ist ein knappes, in seiner Konzentration freilich keineswegs mißlungenes Dokumentarium angehängt worden; und darin fehlt auch nicht die Liste der neun Seeleute, die von den Briten getötet oder tödlich verwundet wurden, acht in den Rettungsbooten, einer noch an Deck eines britischen Schiffes.

Für die Briten war Scapa Flow alles andere als ein „Ruhmesblatt“. Davon abgesehen aber: Friedrich Ruge, der über die Briten, die nervös oder kaltblütig am Abzugshahn zogen, kühlentschuldigend-fair urteilt, hätte mit seinem Buch einen wesentlichen Beitrag zu einer Frage liefern können, die weit über traditionell Marinehistorisches hinausgreift. Wie wenig oder auch wieviel Schuld hat die Kaiserliche Marine denn am Schiffbruch des Kaiserreiches gehabt? Man spürt, wie Friedrich Ruge sich um Verständnis für den Aufstand im Heizerdeck bemüht. Aber man ist bestürzt, wie dieser Offizierhistoriker, der unter anderem das Verdienst hat, nicht den Nazis auf den Leim gegangen zu sein (falls man das für jemanden, der da schon im reifen Alter stand, ein „Verdienst“ nennen möchte), dem Ein- und Aufbruch der Republik in Deutschland mit dem falschen Vokabular begegnet. Was heißt da, zum Beispiel, „Rädelsführer“? Solche Wörter sind Navigationsmarken, die auf gefährlichem Gewässer liegen und (nicht nur) junge Marineoffiziere auf Untiefen lotsen können.

Schade, daß Friedrich Ruge seine Autorität als Historiker hier nicht ausgespielt hat. Schade, daß er dem abschließend-schlüssigen Kapitel über das „Späte Nachspiel“ in Scapa Flow den kompensierenden Kommentar verweigert: 1939, am 13. Oktober, wurde der Kapitänleutnant Prien berühmt, weil er mit seinem U-Boot in den „Schlupfwinkel“ der britischen Flotte eindrang; doch weil die Reede fast leer war und einige Torpedos versagten, konnte er sein Bravourstück nur mit einem strategisch belanglosen Knalleffekt krönen. Er versenkte ein altes Schlachtschiff, die „Royal Oak“, die schon an der Skagerrakschlacht teilgenommen hatte. Der Kommentar hätte enthalten können: Scapa Flow, das war ein Trauma für die Deutschen, das verlockte zu unnützen Racheversuchen, das war der Riegel, der im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg vor dem deutschen Seesieg lag und dem blockierten Land den Zugang zu den Speisekammern in Übersee versperrte. Ein Dutzend analysierende Zeilen, und aus der farbig-spannenden Geschichte, die Friedrich Ruge erzählt, wäre ein Spiegel deutscher Geschichte geworden...

Zurück zur Sache: In Scapa Flow wurde die deutsche Hochseeflotte zur Schrott-Bonanza für zähe britische Bergungsunternehmen (und die Story, wie man im Laufe von Jahren und Jahrzehnten die meisten Schiffe gehoben und ausgeschlachtet hat, zählt zu den großen, noch ungeschriebenen Reportagen). Genau genommen, wurde der damals moderne Teil der deutschen Hochseeflotte versenkt. Der rigorose Querstrich durch Tirpitzsche Flottenbauprogramme und alldeutsche Flottenbegeisterung ließ freilich einen Rest unberücksichtigt. Zum Rest, der einer Marine verblieb, die in ihrer Organisation auch nach dem 21. Juni 1919 so tat, als sei ihr nichts geschehen, gehörte ein Linienschiff, das noch älter als die „Royal Oak“ war: die „Schleswig-Holstein“.

Sie feuerte auf die Westernplatte im Danziger Hafen den ersten Kanonenschuß im Zweiten Weltkrieg. Es war ein Schuß, der zunächst das bewies: daß die Deutschen, die regierenden Deutschen, aus Scapa Flow mit seinem aufdringlich-einleuchtenden Symbolgehalt nichts gelernt hatten.

Alexander Rost