Der rote Punkt hatte Erfolg ... – Seite 1

... in Hannover

Hannover

Uns ist nichts eingefallen, wie wir aus den Sachzwängen herauskommen können", hatte Hannovers Oberstadtdirektor Martin Neuffer noch am fünften Tag der Demonstrationen gegen die Fahrpreiserhöhung der öffentlichen Verkehrsmittel in Hannover bekannt. 20 Millionen Mark wird es kosten, wenn die neuen, erhöhten Beförderungstarife wieder auf den alten Stand gebracht werden. Gute zehn Tage hatte es gedauert, bis die totale Blockade der Hannoverschen Verkehrsbetriebe beendet wurde. Die Stadt hatte sich unter dem Druck der Demonstranten für einen subventionierten Tarif, das heißt für einen politischen Preis entschieden.

Als alles vorbei war, beschäftigte sich auch der niedersächsische Landtag mit den Demonstrationen und ihren Begleiterscheinungen. Niedersachsens CDU, seit dem Übertritt dreier FDP-Abgeordneter im Landtag ebenso stark wie der sozialdemokratische Koalitionspartner, richtete ihre Attacke gegen den Innenminister Richard Lehner (SPD). Dieser hatte nach drei Demonstrationstagen den Befehl zum völligen Rückzug der Polizei gegeben, denn ohne Schießerlaubnis hätte sich die Polizei nach seiner Meinung in Hannover nicht, durchsetzen können. Und auf Wasserwerfer hatten die Demonstranten in der trockenen Sommerhitze geradezu gewartet.

Am Donnerstag vergangener Woche schien die große Koalition der Niedersachsen in Gefahr. Kiesinger und Heck aber warnten vor voreiligen Schritten. Im Plenum stellte die Forderung nach Rücktritt des Innenministers schließlich kein Vertreter der CDU, sondern Adolf von Thadden für die NPD-Fraktion.

Einen Tag später bedachten straßenbahnfahrende Hannoveraner das Personal der Verkehrsbetriebe anläßlich der Wiederaufnahme des Betriebs mit Würstchen und Cola. Selten hatten sie solch ein Gefühl verspürt, mit "ihrer Üstra" zu fahren. Ohne viel Aufhebens verhandelt unterdessen Niedersachsens Finanzminister Alfred Kübel (SPD) über eine Übernahme der Üstra durch die Stadt Hannover. Und am vergangenen Montag ereöffnete unversehens der Großraum-Verband Hannover, daß er bis zum 1. Oktober dieses Jahres einen Verkehrsverbund für die Hannoversche Region errichten wolle, ein Projekt, an dessen Verwirklichung schon seit Jahren niemand mehr zu denken gewagt hatte.

Detlef Sprickmann Kerkerinck

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... in Heidelberg

Heidelberg

Seit Samstag fahren sie wieder: die Heidelberger Straßenbahnen. Fünf Tage waren sie daran gehindert worden durch eine studentische Blockade, die der SDS und der AStA der Universität ausgerufen hatten. Grund dafür war eine Preiserhöhung der Gesellschaft, die die Tarife um zehn bis 33 Prozent in die Höhe klettern ließ.

Erstmals waren sich alle politischen Studentengruppen einig, als die Aktion "Roter Punkt" ins Leben gerufen wurde und am Montag vergangener Woche anlief: Kraftfahrer mit einem roten Punkt an der Windschutzscheibe zeigten damit an, daß sie willens waren, Passanten einsteigen zu lassen und zu allen möglichen Zielen in der Stadt und selbst in die Vororte zu transportieren. Innerhalb kürzester Zeit waren tatsächlich, wie der AStA es gefordert hatte, "tausend Rote Punkte erblüht", die sich als vollwertiger Ersatz der fehlenden Straßenbahnen erwiesen.

Ein in Heidelberg noch nie dagewesenes Ereignis, womit die Verwaltung nicht gerechnet hatte, trat ein: Die Bevölkerung brachte den demonstrierenden Studenten und Schülern Sympathie entgegen und unterstützte die "Roten morgen mit dem Ziel, der Straßenbahn die Schienen freizukämpfen – er wurde erst gestartet, nachdem mehrere Hundertschaften Verstärkung eingetroffen waren –, scheiterte kläglich an der Taktik der Demonstranten. Mit herkömmlichen Mitteln wurde Bürgermeister Zundel nicht mehr Herr: Die Straßenbahn stellte ihren Betrieb offiziell ein.

In einer telephonisch einberufenen Nachtsitzung des Heidelberger Gemeinderats wurde der Beschluß gefaßt, den Straßenbahnbetrieb zu den alten Tarifen weiterzuführen, nachdem die baden-württembergische Landesregierung 500 000 Mark zur Verfügung gestellt hatte, "im Vorgriff auf noch zu erwartende Leistungen für die Stadt". Mit diesem Erfolg fiel es den Studenten nicht schwer, die Blockade aufzuheben, wenngleich der SDS ursprünglich "Freie Fahrt zum Arbeitsplatz" gefordert hatte. Doch "diese Forderung richtet sich nicht gegen die Straßenbahn, sondern gegen die Unternehmer", rechtfertigte man das ungewohnt friedfertige Verhalten.

Claus Marquart