Von Willi Bongard

Bis zum 24. Februar 1965 war sein Ruf kaum über die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität hinausgedrungen, zumindest war sein Name in der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt. Tags darauf machte Professor Helmut Meinhold Schlagzeilen. Nach tagelangen aufreibenden Verhandlungen auf Schloß Hugenpott war es ihm gelungen, den großen Lohnstreit in der Eisen- und Stahlindustrie zu schlichten und die anscheinend hoffnungslos zerstrittenen Tarifpartner dieses wichtigen Wirtschaftszweiges auf eine Formel zu einigen, die als „Meinhold-Formel“ in die Geschichte der Lohnpolitik eingegangen ist.

Es war das erste Mal, daß ein Wissenschaftler – und nicht ein Politiker – aufgefordert wurde, als Schlichter in einer Tarifauseinandersetzung zu vermitteln. Meinholds Einigungsvorschlag lief zum gelinden Entsetzen aller „produktivitätsorientierten“ Lohnpolitiker darauf hinaus, neben der Steigerung der Produktivität, die bis dahin als Maßstab für Lohnerhöhungen gegolten hatte, zusätzlich den zu erwartenden Kaufkraftverlust der Währung in das Kalkül einzubeziehen. Mit diesem Vorschlag, der die lohnpolitische Diskussion noch heute beschäftigt, setzte sich Meinhold dem bitteren Vorwurf aus, der Inflation Vorschub zu leisten und sich an der Volkswirtschaft zu versündigen.

Umstrittene Lohnformel

Meinhold hatte in der Folgezeit seine liebe Not, sein wissenschaftliches Renommee zu wahren und seine Kritiker zu beschwichtigen. Der Professor für „wirtschaftliche Staatswissenschaften“ und Direktor des Seminars für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Universität Frankfurt hatte es bei der Verteidigung seines Einigungsvorschlages um so schwerer, als seine „Lohnformel“ vielfach in unzulässiger Weise vereinfacht wurde.

„Man hat mich seinerzeit gründlich mißverstanden“ beteuert Meinhold heute, wenn er auf seinen „Stahl-Kompromiß“ angesprochen wird. Und in seine Stirn, die ohnehin schon mit tiefen Falten übersät ist, scheint sich eine Furche mehr zu graben. Es war nach seinen Worten damals aus einer „Empörung“ heraus, daß er sich auf die Seite der Arbeitnehmer schlug, denen er nicht zumuten wollte, daß sie allein zu Leidtragenden einer Entwicklung werden sollten, die der Regierung und der Notenbank aus der Hand zu gleiten drohte.

Meinhold verteidigte – nicht zuletzt in den Spalten dieser Zeitung – seinen aufsehenerregenden lohnpolitischen Kompromißvorschlag mit dem Hinweis darauf, daß die Preisniveausteigerungen als Folge der gesamtwirtschaftlichen Nachfrageerhöhung keineswegs allein von den Lohnempfängern verursacht würden, daß vielmehr der Staat und die Investoren (Unternehmen) nicht minder an der zunehmenden Inflation beteiligt seien, von der wachsenden Nachfrage des Auslands (Handelsbilanzüberschüsse) ganz zu schweigen. Er konnte überzeugend nachweisen, daß die Lohnempfänger in der damaligen Situation am wenigsten „sündigten“ und daß es deshalb unerträglich, weil ungerecht gewesen wäre, ausgerechnet bei den Lohnerhöhungen kürzer zu treten und sich an die Produktivitätsformel zu klammern, um einen weiteren Preisauftrieb zu vermeiden.