Tierpsychiatrie

Mein Terrier beißt mich mehrmals jede Woche“, klagte ein Hundebesitzer. „Und was das Unverständlichste daran ist: Er beißt mich nur, wenn ich im Bett liege und schlafe.“ Nähere Fragen führten aber schnell zum Verständnis. Der Herr, ein gutmütiger Junggeselle, pflegte mit seinem Hund in einem Bett zu schlafen. Immer wenn der Terrier erst später zu dem Schlafenden unter die Kissen kroch und nicht sofort den ihm zustehenden Platz erhielt, wußte sich das Tier diesen nach Hundeart mit den Zähnen zu beschaffen. Denn schließlich war hier der Hund der Herr im Haus. Jederzeit durfte er den nachgiebigen Menschen ungestraft als einen in der Rangordnung tief unter ihm stehenden Meutegenossen behandeln.

Ähnliche Schwierigkeiten mit innig geliebten Haustieren bereiten heutzutage vielen Menschen Sorge, insbesondere wenn unbewußt wirkende Gefühle Bindungen geschaffen haben, die das Tier in eine Stellung erheben, die der eines menschlichen Familienmitgliedes nahekommt. Gerade hieraus erwächst leicht die Gefahr eines doppelten Mißverstehens: Der Mensch sieht im Hund eine Art Mensch und verkennt dabei völlie, daß umgekehrt der Hund den Menschen als Hund betrachted. So kann es beim Tier zu Verhaltensweisen kommen, die sein Herr als psychisch krankhaft beurteilt, obwohl sie im Grunde genommen nur ganz normale Reaktionen innerhalb des „Zwei-Mann-Rudels“ sind. Jedoch empfindet sie der Mensch immer dann als unnormal und lästig, wenn er sich – unbewußt – dem Tier unterordnet. Die Mißverständnisse zwischen Mensch und Haustier können so schwerwiegend sein, daß der Vierbeiner tatsächlich in seiner psychischen Jugendentwicklung gestört und später zum neurotischen Angstbeißer oder krankhaften Familientyrannen wird.

In beiden Fällen konsultieren Hundebesitzer in jüngster Zeit immer häufiger die Vertreter einer neuen medizinischen Disziplin: den Tierpsychiater. Je nach der Diagnose muß er entweder das Tier behandeln oder aber den Menschen aufklären. Letzteres ist meist viel schwerer als die Tier-Therapie. Der Wiener Tierarzt Dr. Ferdinand Brunner gab jetzt im neuesten Heft der „Zeitschrift für Tierpsychologie“ einen Überblick über seine Erfahrungen auf diesem Gebiet.

Zum Beispiel hatte ein Münsterländer die mit recht gespaltenen Gefühlen aufgenommene Eigenschaft, seinen Besitzer beim Hereinkommen so lange anzuspringen, bis es gelang, ihm quer durchs Gesicht zu lecken. Wurde dem Spielantrag des Hundes nicht sofort Folge geleistet, zerschlitzte er eine Gardine oder riß die Decke vom Tisch. Wenn er bei der Mahlzeit auf sein Betteln hin nicht augenblicklich ein Fleischstück zugeworfen bekam, sprang der gewichtige Kerl mit einem Satz mitten auf den Tisch und holte sich zwischen umstürzendem Geschirr selber, was er wollte.

In diesem noch relativ harmlosen Beispiel ist der Hund seiner falschen, viel zu nachgiebigen Erziehung wegen auch im Erwachsenenalter noch ein großes, ungezogenes, unleidliches Kind geblieben. Da ihm nie etwas verwehrt wurde, erfuhr er nicht die Erziehungsphase der Entwöhnung, die so wichtig für das Heranreifen zum erwachsenen Tier ist. So blieb auch jenes kindliche Verhalten bestehen, nach dem junge Welpen der heimkehrenden Mutterhündin die Lippenwinkel zu belecken pflegen. Dieser Reiz löst bei der Mutter das Hervorwürgen des vorverdauten Futters aus. Das ist die Erklärung der unangenehmen Sucht vieler infantil gebliebener Hunde, auch nach Hause kommenden Menschen durchs Gesicht zu lecken.

Abhilfe konnte durch konsequente Abdressur der Unarten geschaffen werden. Sie bestand vor allem darin, eben jene Unarten zu ignorieren. Das hatte der Hund noch nie erlebt: Volle zwanzig Minuten wütete er in der Wohnung und trotzdem blieben alle seine „Meutegenossen“ teilnahmslos. Dann versuchte er es noch mit einem „Wässerchen“ auf dem Teppich und, als noch immer niemand willfährig reagierte, nach weiteren zehn Minuten mit der „schlimmsten Strafe“: einem Häufchen auf dem Sofa. Dann war er mit seinen Tricks am Ende. Acht Tage später konnte Dr. Brunner Dauerheilung konstatieren.