Von Joachim Schwelien

Washington, im Juli

Das Motiv für die Reise des amerikanischen Präsidenten nach Rumänien bleibt für Washington vorerst noch ebenso unklar, wie der Entschluß dazu überraschend wirkte. Das besagt jedoch nicht, daß hinter dem Besuch in Bukarest andere geheimnisvolle Unternehmen verschleiert werden – etwa ein Gipfeltreffen mit der sowjetischen Führung. Im Gegenteil muß der Kreml das Auftreten des amerikanischen Staatsoberhauptes in der Hauptstadt jenes Verbündeten, der ihm mit seinen Selbständigkeitsregungen die Stirn bietet, sich nicht am Einmarsch in die Tschechoslowakei beteiligt hat, zwischen Moskau und Peking ebenso schaukelt wie zwischen seiner Bundesgenossenschaft im Warschauer Pakt und den westlichen Nationen, der gegenüber Israel freundlich neutral bleibt und fast die Hälfte seines Außenhandels mit Partnern im Westen abwickelt, nahezu als Brüskierung empfinden.

Die bevorstehenden amerikanisch-sowjetischen Rüstungskontrollverhandlungen hätten Nixen einen schicklichen Anlaß zu einem Abstecher nach Moskau oder zu einer Begegnung mit Kossygin an neutralem Ort geben können. Unmittelbar nach seiner Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner im vorigen Sommer hatte er ja mit Botschafter Dobrynin eine Reise in die Sowjetunion schon so gut wie verabredet. Sein außenpolitischer Berater während des Wahlkampfes, Richard Allen, redete ihm das Unternehmen wieder aus. Zu Nixons Glück: Hätte er im August 1968 das Flugzeug nach Moskau bestiegen, wäre er dort wahrscheinlich zu dem Augenblick eingetroffen, in dem die sowjetischen Panzer durch die Straßen Prags rollten. Seit Franklin D. Roosevelt, der im Februar 1945 in Jalta auf der Krim mit Stalin zusammentraf, war kein amerikanischer Präsident mehr in einem kommunistischen Land. Um so mehr Gewicht kommt Nixons Besuch zu. Er legt dieses Gewicht jedoch nicht auf die Waagschale der sowjetischamerikanischen Ausgleichspolitik, sondern demonstrativ auf die des nationalen Souveränitätsanspruches der Rumänen, die sich sowjetischer Vormundschaft entziehen und widersetzen.

Nixon ist in der Außenpolitik zu erfahren, als daß er die Wirkung dieses Schrittes ignorieren könnte. Er bedeutet eine demonstrative Ermunterung aller Regungen zur Eigenständigkeit im osteuropäischen Einflußbereich der Sowjetunion. Die zwanzig Stunden in Bukarest, auch wenn sie nur einem höflichen Gedankenaustausch und diplomatischen Allgemeinplätzen dienen, müssen viele Gemüter in Budapest, in Warschau und ganz verborgen auch in Prag vibrieren lassen.

Wenn der Präsident diese Wirkung erzielen wollte, tat er das ohne Zweifel mit einem doppelten Vorsatz. Er will einmal der Sowjetunion vor Augen führen – und das gerade wegen der bevorstehenden bilateralen Rüstungskontrollverhandlungen –, daß er keine Aufteilung der Welt in Interessensphären anerkennt. Außerdem will er dem Kreml bedeuten, das Prinzip der Koexistenz zwischen den Nationen unter Wahrung ihrer Selbständigkeit solle überall und damit auch zwischen kommunistischen Nationen respektiert werden. Der Ausgleich der beiden Weltmächte soll keinen Vorwand für einen übergeordneten "sozialistischen Souveränitätsanspruch" der Sowjetunion über ihre Verbündeten abgeben.

Der eigentliche Gewinner des Besuchsplanes ist vorerst der rumänische Parteisekretär Ceausescu. Was heute allerdings als Triumph seines Bemühens erscheint, kann morgen zur Dornenkrone werden, falls Nixons Besuch die Moskauer Führer zur Schockreaktion treibt.