Als die Bremsen im Zug plötzlich kreischten, stieg mir gleich das Kanzlerwort von der „bürgerkriegsähnlichen Situation“ in den Sinn. Schnell versteckte ich mich unter dem Sitz, nicht ohne vorher ein belastendes Ganghofer-Buch und Kiesingers Jugenderinnerungen aus dem Fenster geworfen und mir den „Roten Punkt Hannover“ ans Revers gesteckt zu haben: Meine Reiselektüre konnte mich bei den linken Partisanen nur belasten. Es war die Strecke zwischen Heidelberg und Frankfurt; Schüsse peitschten durch die Weinhügel. In Ippenzell hatte ein Spähtrupp von SDSlern, wie mir ein Mitreisender erzählte, der gerade, mit einer Kreissäge auf dem Kopf, zwar angetrunken, aber proper gekämmt, aus der „Schule der Nation“ entlassen worden war, wehrlose Polizisten auf dem Boden niedergetrampelt und danach die Tochter des Bürgermeisters vergewaltigt.

Juni 69. Voll Wehmut dachte ich an die regenverhangene Schönheit dieses Monats in früheren Jahren, da hörte ich im Zuggang schon die bekannten und gefürchteten „Es-lebe-Cohn-Bendit“-Rufe. Zur Sicherheit fummelte ich, obwohl dies unter dem Sitz schwierig war, meine illegale Ausweiskarte des Hamburger SDS hervor, auf der mir vom Kommissariat für den Bürgerkrieg bescheinigt worden war (gegen Abgabe meiner Schreibmaschine), daß ich einen Vetter (zweiten Grades) habe der Soziologie studiere, und daß ich mit vier Geschwindigkeitsüberschreitungen im letzten Jahr ein gewisses antiautoritäres Verhalten an den Tag gelegt habe.

Die Streife ging vorüber. Gleich darauf kam es in der ersten Klasse zu heftigen Kämpfen, da sich dort ein paar waghalsige Unternehmer heldenhaft eingeigelt hatten. Ein gehobener Angestellter dagegen schwenkte die weiße Fahne.

Kein Bayer, dachte ich bitter – denn in den letzten illegal nach Norddeutschland geschmuggelten Ausgaben des Bayernkuriers war zu lesen gewesen, daß Strauß und sein Saalschutz zusammen mit ein paar versprengten NPD-Einheiten getreu der Clausewitz-Strategie „Rechts überholen, vereint schlagen“ der APO-Partisanengruppe Süd, genannt „Maos langer Marsch“, erbitterten Widerstand leisteten.

Der Kanzler hatte nicht übertrieben. Wälder und Hörsäle im übrigen Deutschland waren kaum noch zu betreten. Bürgermeister Schütz traute sich nur noch mit APO-Bart getarnt auf die Straße. Und im Suhrkamp-Verlag war inzwischen nicht nur die Literatur tot. Schon hatte Enzensberger in Kuba eine Exilregierung gegründet, und die im Bonner Notstandsbunker permanent tagende Regierung erweiterte geistesgegenwärtig die Hallstein-Doktrin auf dieses, wie sie es nannte, „phänomenologische Regime“. Wie ein Gerücht wissen wollte, arbeitete Gerstenmaier verbissen an einer außergerichtlichen Aberkennung seiner Professorenwürde. Er wollte, im Falle des totalen Sieges der Bürgerkriegsarmee, nicht mit Lebensmittelkarte und Bezugsschein für „Fachidioten“ abgespeist werden.

Als wir endlich mit vier Stunden Verspätung in Heidelberg einliefen, glich die Stadt einem Hexenkessel. Auf dem Marktplatz versuchte Buselmeier Neuenfels zu lynchen, obwohl dieser sich verzweifelt als Linker zu erkennen gab.

Nur die amerikanischen Touristen schienen nichts zu merken. Sie photographierten nach wie vor das Schloß, fanden es „lovely indeed“ und eilten friedlich zum Bus zurück, um noch am gleichen Abend Venedig erreichen zu können.

Vielleicht aber hatten sie auch nur noch nichts von Kiesingers besorgten Worten über die bürgerkriegsähnliche Lage in der Bundesrepublik gehört? Hellmuth Karasek