Von Helmut Schneider

Er war ein Globetrotter und ein Playboy, ein Verschwender und ein. Melancholiker. In der High-Society bewegte er sich ebenso unbekümmert wie im Bordell. Er arrangierte Feste im Stil orientalischer Potentaten, bei denen, gleichsam im Querschnitt, alle Gesellschaftsschichten – von der Prostituierten bis zur Prinzessin – versammelt waren. Seine Dinners waren Stadtgespräch. Erstaunlicherweise blieb ihm auch noch genügend Zeit, seine Beobachtungen und Eindrücke mit Pinsel und Zeichenstift festzuhalten.

Mit fünfundvierzig Jahren hatte er seine Kräfte verbraucht, er sprach häufiger von Selbstmord, und eines Tages fand man ihn mit aufgeschnittenen Pulsadern, tot: Mit seinem eigenen Blut hatte er noch einen Abschiedsgruß an die Frau geschrieben, die er geliebt hatte, die aber mit einem anderen verheiratet war. Man nannte ihn, der stets ganz in Schwarz gekleidet war (und die Melone auf dem Kopf als sein ganz persönliches Statussymbol verstand), den „Dandy des deux Monts“ (Martre et Parnasse): Julius Mordecai Pincus aus Vidin, ein „Maghrebinier“ mit amerikanischem Paß, der in Paris zum Maler Jules Pascin wurde.

Pascins Lebensstil stellt geradezu eine Herausforderung an die Kolportage dar. Sein Werk ist denn auch mit einer dicken Schicht. beiläufigamüsanter Histörchen überkrustet – wozu die Idolatrie seiner Freunde nicht wenig beigetragen hat. Der Kunstspießer, ausgerüstet mit dem scharfen Auge des Voyeurs, wittert die Konfessionen eines peintre maudit: Er begnügt sich mit der Legende und ist’s zufrieden. Genau diese Legende aber steht Pascins Arbeiten nunmehr im Wege. Der Mann und seine Malerei sind zwei Seiten ein und derselben Medaille, die Verzerrung der Perspektiven wirkt sich dadurch automatisch auf beide Hälften aus.

Wer sich ohne „literarische“ Voreingenommenheit den Gemälden nähert, ist zunächst einmal irritiert. Diese Art von Malerei erscheint heutigen, an Schockfarben gewöhnten Augen irgendwie fremd; prima vista macht ein Großteil von Pascins Ölbildern den Eindruck ausgebleichter Bonnards. Erst allmählich justiert sich der Blick auf die Besonderheiten der peinture (ein Prozeß, der durch das starke Niveaugefälle innerhalb des Œuvres nicht gerade erleichtert wird): Pascin arbeitet mit zarten, verschwimmenden Valeurs, zwischen den aquarellartig zerfließenden farbigen Partien scheint immer wieder der Malgrund durch. Sein Ziel ist eine homogene, koloristisch unaufdringliche Oberfläche, auf der sich alle Gegenstände unter milchigem Licht in differenziert abgestufte Farbwerte auflösen. Wo er nicht ins Mondäne abgleitet (das Ergebnis erinnert dann fatal an Modejournal-Illustrationen) oder ihm die Farbe zur Süßlichkeit gerinnt, gelingt ihm die Synthese von Nonchalance und Sensibilität. Seine leger posierenden Frauengestalten – Pascins Hauptbeitrag zum „érotisme dans l’art“ – sind dann in eine perlmuttene Atmosphäre eingehüllt, der subtile Oberflächenschmelz spiegelt den momentanen Reiz, den die morbide Eleganz des Modells auf den Maler ausgeübt hat.

Mitunter erzielt Pascin Wirkungen in der Art durchsichtiger Glasflüsse, wobei durch erdige, „opake“ Einschiebsel ein Wechselspiel zwischen den unterschiedlichen Tiefendimensionen der einzelnen Farben beginnt, das die einheitliche Oberflächenglätte stellenweise „aufrauht“. Ist ein solchermaßen dynamisiertes Farbkaleidoskop zudem noch an einem graphisch konturierenden Gerüst aufgehängt, so entstehen – wie das Bildnis „Flechtheim als Stierkämpfer“ zeigt – in der Durchdringung von zeichnerischer Struktur und malerischem Raffinement brillante Porträts.

Das Stichwort ist gefallen: Kontur. Pascin hat als Zeichner angefangen und ist zeitlebens ein Zeichner geblieben. Vielleicht ließen sich manche Ungereimtheiten und Flüchtigkeitsfehler in seinen Gemälden damit erklären, daß er die Malerei als Zeichenkunst mit anderen Mitteln angesehen hat. Es gibt von ihm (thematisch mit Mackes Darstellungen eng verwandte) Tunis-Aquarelle, die im Vergleich deutlich machen, daß es Pascin beim Erfassen einer Situation nicht auf das Farberlebnis, sondern auf die lineare Umsetzung ankommt.