Von Marianne Kesting

Mit einunddreißigjähriger Verspätung kommt nun endlich ein Werk auf den deutschen Büchermarkt, das wie kaum ein anderes die moderne Dramatik beeinflußt hat und die Inszenierungskonzeption großer Regisseure heute noch beeinflußt –

Antonin Artaud: „Das Theater und sein Double“, aus dem Französischen von Gerd Henniger; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 168 S., 12,– DM.

Es wäre müßig, der langen und traurigen Geschichte der Option nachzugehen, die seit 1938 in Händen eines deutschen Verlages war und schließlich zu einer miserablen Übersetzung führte, die man nicht publizieren konnte. Wie es scheint, ist damit Artauds deutscher Leidensweg noch nicht beendet – oder der des Lesers beginnt: Auch die neue Übertragung von Gerd Henniger ist, wie man bei diesem enragierten Liebhaber französischer Literatur nicht erwarten sollte, grausam, und zwar in einem von Artaud nicht beabsichtigten Sinne. Da liest man unter anderem: „Das europäische Kunstideal hingegen zielt darauf ab, den Geist auf eine von der Kraft geschiedene Haltung zu verweisen, die deren

Überschwang zuschaut... Jedes wahre Bild hat seinen Schatten, der es doubelt... Und Austrocknung der Sprache begleitet ihre Begrenztheit ...“

Sehen wir von diesem mühseligen Deutsch einmal ab: die Übertragung ist teilweise falsch, teilweise unverständlich. So wird der Leser zweifellos darüber erstaunt sein, daß der Metaphysiker Artaud „Knalleffekte“ („coups de théâtre de toutes sortes“) oder „seltene Musiknoten“ („seltsame Klänge“ sind gemeint) auf die Bühne bringen will, oder er wird sich fragen, inwiefern etwa „Gebärdensprache, Physiognomie und Kostüme einer jeden, bis zum äußersten typisierten Figur den Eindruck von ebenso vielen Lichtstrahlen machen“ sollen. Zu den Rätseln, die Artaud uns ohnehin schon aufgegeben hat, gesellen sich die von Gerd Henniger.

Es wäre freilich ungerecht, nicht zu erwähnen, daß Artaud ganz außerordentlich schwer zu übertragen ist. Er war mehr Theatermann und Lyriker denn Essayist und hat seine Aufsätze in einer zum Teil metaphorischen, nicht immer völlig klaren Sprache formuliert. Indes interpretieren sich die Aufsätze gegenseitig. Man müßte also dieses Buch zweimal übersetzen, einmal für sich, dann für den deutschen Leser, nachdem man es selber genau verstanden hat. So wird den ohnehin schon grassierenden Mißverständnissen mit dieser Übertragung kein Ende gesetzt.