Rockefellers lateinamerikanische Reise entfesselt Proteststürme

Washington, im Juli

Kurz vor Mittag dringen vier elegant gekleidete junge Männer, Maschinenpistolen im Anschlag, in das schäbige Büro der Metallarbeiter-Gewerkschaft in einem Vorort von Buenos Aires ein. Zwei von ihnen halten die Angestellten im ersten Stockwerk in Schach, die anderen beiden eilen in den zweiten Stock, reißen die Tür zu einem Arbeitszimmer auf und erschießen den peronistischen Gewerkschaftsführer Augusto Vandor. Die vier Schützen stürmen aus dem Haus, jagen die Angestellten ins Freie und werfen Brandbomben in die leeren Räume; dann verschwinden sie in einem Auto.

Augusto Vandor, als Chef der Metallarbeiter-Gewerkschaft seit vielen Jahren einer der einflußreichsten Gewerkschaftsführer Argentiniens, ist das vorläufig letzte Opfer der zahllosen Zwischenfälle, Unruhen, Streiks und Demonstrationen – der geräuschvollen Begleitmusik zu den Erkundungsreisen des New Yorker Gouverneurs Nelson Rockefeller in Lateinamerika.

Der Gewerkschaftsführer steht auf gutem Fuß mit dem argentinischen Staatspräsidenten Juan Carlos Ongania. Vandor hatte sich gegen einen Generalstreik ausgesprochen, den einige Gewerkschaften beim Besuch Rockefellers ausrufen wollten. Ist er von linksradikalen Elementen in seiner Gewerkschaft niedergemetzelt worden? Das hat die Polizei noch aufzuklären. Als er in seinem Büro niedergeschossen wurde, saß Rockefeller dem argentinischen Staatsoberhaupt in dessen Amtszimmer gegenüber und konferierte mit ihm über die Wünsche Argentiniens an Amerika. Beide waren ahnungslos, was sich in diesem Augenblick im Vorort der Hauptstadt abspielte.

In mehr als der Hälfte der lateinamerikanischen Länder, die Rockefeller seit dem vergangenen Mai auf vier Erkundungsreisen besucht hat, ist es zu schweren Zwischenfällen gekommen. In Honduras wurde ein fünfzehnjähriger Schüler bei einer anti-amerikanischen Demonstration von der Polizei erschossen – versehentlich, wie die Behörden sagen. In Honduras protestierten die Agitatoren gegen die „Vergewaltigung durch den Yankee-Imperialismus“; in Montevideo ging eine Fabrik der General Motors in Flammen auf. Schon in der Woche vor Rockefellers Eintreffen in Argentinien wurden in Buenos Aires 13 von 17 Geschäften der Supermarkt-Kette Minimax durch Brandstiftungen stark beschädigt. Sie gehören einer amerikanischen Gesellschaft, an der die Familie des New Yorker Milliardärs beteiligt ist. Wo immer der Gouverneur auftaucht, sichern ihn starke Polizei-Aufgebote vor den Kundgebungen aufsässiger Studenten oder feindseliger linksradikaler Agitatoren.

Zwischen den Mühlsteinen