/ Von Friedhelm Gröteke

Im Mai dieses Jahres nahmen vier Banditen bei einem Überfall in einem Mailänder Vorort einem Geldschmuggler 30 Millionen Lire, knapp 200 000 Mark, ab. Das Opfer des Überfalls hatte innerhalb eines Jahres auf über 100 Fahrten fünf Milliarden Lire, etwa 32 Millionen Mark, in die Schweiz geschmuggelt. Die Währungsbehörden und die hellhörig gewordene Finanzpolizei schätzen, daß Professionelle und Amateure im Jahre 1967 mindestens 500 Milliarden Lire (= 3,2 Milliarden Mark) und im vergangenen Jahr eine noch höhere Summe italienischer Währung illegal über die Landesgrenzen brachten.

Jeder, der ohne besondere Erlaubnis mehr als das monatliche Touristenlimit von einer Million Lire (6400 Mark) ausführt, macht sich strafbar. Der Drang des italienischen Kapitals ins Ausland ist in den letzten 10 Jahren ständig stärker geworden. Allein im ersten Quartal dieses Jahres hat sich das Defizit der Kapitalbilanz gegenüber der gleichen Vorjahreszeit auf 471 Milliarden Lire (2,8 Milliarden Mark) verdoppelt. Rom bucht zwei Drittel davon auf das Konto Kapitalflucht.

Gastarbeiter schließen die Lücke

Dennoch schloß die Zahlungsbilanz seit 1957 in 12 Jahren nur einziges Mal mit einem Defizit. Während nämlich vorsichtige Kaufleute, reiche Grundbesitzer und gewiegte Spekulanten ihr Kapital aus Furcht vor dem italienischen Fiskus und mit der Aussicht auf höheren Zinsgewinn ins Ausland rollen lassen, schicken italienische Gastarbeiter aus aller Welt ihre Ersparnisse fleißig nach Hause.

Ein Blick in die italienische Zahlungsbilanz für 1968 lehrt sogar, daß der Posten "Überweisungen von Emigranten" um mehr als 4,7 Milliarden Mark, genau 741 Milliarden Lire, um fast 50 Prozent über den Fluchtgeldern liegt. Deviseneinnahmen aus dem Tourismus in der stattlichen Höhe von 922 Milliarden Lire (5,9 Milliarden Mark) taten ein übriges, um die Bilanz der laufenden Posten für Italien positiv zu gestalten.

Auch im Export hat das Land in den letzten drei Jahren gewaltig aufgeholt. Obwohl die Einfuhr kräftig wuchs, überstieg sie im vergangenen Jahr die Ausfuhr nur noch wenig, und für 1969 wird erstmals seit Bestehen der italienischen Republik mit einem Exportüberschuß gerechnet. Unter dem freiwilligen Zwang der EWG-Knute ist Italien der große Schritt vom armen Agrarland zur erfolgversprechenden Industrienation gelungen – das ist das Ergebnis, das sich bei einer Analyse des italienischen Außenhandels der letzten Jahre zeigt.