Möglich, daß das für manchen Besucher der documenta 4 die langanhaltendsten Nachwirkungen sind (und das wäre kein schlechtes Fazit): Er sieht wieder die Ritzen im Trottoir, seit er die lose verlegten Steinplatten von Carl André entlanggeklappert ist; er glaubt, einen echten Brüning vor sich zu haben, wenn er sich und sein Auto durch die farbenprächtig bis zur totalen Unverständlichkeit verschilderte und von Blinksignalen strotzende Umleitung manövriert; die trübe Plastikplane, die an der Fassade eines Neubaus im Wind knattert, wird in die Distanz des Zitats verwiesen, seit Christo, der Verpackungsspezialist, das Thema in Kassel ad absurdum geführt hat.

Und: eine Zahl, die Nummer eines Bahnhofsgleises vielleicht, eine Zahl ist keine 7*ahl mehr für den, der sie im Treppenaufgang des Fridericianums von den weiß verputzten Wänden herunterleuchten sah: Robert Indianas "Numbers".

Der Blick schweifte daran entlang wie an einer Ahnengalerie: Zehnmal ein anderes Motiv, und doch zehnmal der gleiche Stammbaum. Zehn Porträts, durch Unterschrift identifiziert, in denen unser täglich Brot an Maßen, Gewichten, Paragraphen und Aufführungen enthalten ist. Die Zahl, sonst immer auf den Zusammenhang verwiesen, in dem sie geglaubt wird, hat sich hier selbständig gemacht, ist Ziffer um ihrer selbst willen, durch die aggressive Farbigkeit wie neu geboren – nichts mehr von grau, nüchtern, trocken. Mit einer Mythologisierung der Zahl hat das freilich nichts zu tun – als Robert Indiana sein erstes Atelier bezog, fand er dort den Nachlaß einer Schiffsausrüstungsfirma vor: alte Schablonen mit Buchstaben, Sternen, Zahlen und anderen Zeichen, die einmal zur Beschriftung und Kennzeichnung verwendet worden waren. Für Indiana waren diese Morsezeichen einer auf Funktionieren angelegten Welt der Anfang einer fröhlich strengen Emblemkunst, die er bis heute strikt durchgehalten hat.

Die Wirkung jenes Vormietermülls ist damit freilich noch nicht beendet: Robert Creely wiederum haben Indianas "Numbers" zu einem Gedichtzyklus inspiriert, der zwar in der gleichen distanzierten Tonlage gehalten ist, Indianas Tat aber in eine spekulative Richtung abgedrängt.

Aber das Nachrechnen bei Co-Produktionen hat immer etwas Mißliches, schließlich lassen sich bewahrte Eigenständigkeit und die sogenannte kongeniale Ergänzung kaum gegeneinander ausspielen. – Zu dreifach gestaffeltem Preis, aber jeweils in der gleichen vorzüglichen Druckqualität, liegt jetzt beides vor, Indiana und Creelys poetisches Hommage à Indiana (von Klaus Reichert übertragen) in der Edition Domberger, Bonlanden (Paperback, 21 mal 25 cm, 30,– DM; gebunden und im Impressum signiert, 50 mal 65 cm, 360,– DM; Vorzugsausgabe in einer Auflage von 160 Exemplaren, numeriert und signiert, 50 mal 65 cm, 3000,– DM).

Petra Kipphoff