Von Peter Fuhrmann

Nein, den eigentlichen Initiatoren des 43. Weltmusikfestes der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM), dem bisherigen Welt-Präsidenten Heinrich Strobel und dem Intendanten der Hamburgischen Staatsoper Rolf Liebermann war für die Wahl Hamburgs als Austragungsort für dieses ambitiöse avantgardistische „Musik-Turnier“ – es fiel fast genau mit dem ehrgeizigen hanseatischen Derby-Zentenarium zusammen – kein Vorwurf zu machen: Wohl keine Stadt in der Welt besitzt derzeit für ein solches Unternehmen auch nur annähernd die gleichen Voraussetzungen. Und nirgendwo sonst waren die Bedingungen für den – in den IGNM-Statuten ausdrücklich niedergelegten – sich selbst erteilten Auftrag, Jahr für Jahr an einem anderen Ort, in einem anderen Land mit den neuesten musikalischen Produktionen an die Öffentlichkeit zu treten, günstiger denn hier. Man brauchte nur auf zwei der führenden örtlichen Institutionen – die alljährlich ohnehin veranstaltete Woche des zeitgenössischen Musiktheaters und das „neue werk“ des Norddeutschen Rundfunks – zurückzugreifen und besaß schon allein damit nahezu ideale Voraussetzungen für einen repräsentativen Querschnitt.

Neben sieben Opernproduktionen vier Kammer- und drei Orchesterkonzerte. Von 140 eingereichten Partituren hatte die im Januar dieses Jahres tagende internationale Jury – die aus den Komponisten Wolfgang Fortner (BRD), Klaus Huber (Schweiz), Kazimierz Serocki (Polen) und Zbynek Vostrák bestand – 34 Werke aus 15 Nationen für das 43. Weltmusikfest in Hamburg ausgewählt. Am stärksten waren die Polen vertreten, mit fünf Werken, darunter eine vom ansonsten gleichermaßen applaudierenden oder buhenden Publikum mit Spott und Gelächter quittierte Uraufführung, die apokalyptisch inspirierte Lärmorgie „Septem Tubae“ der als einziger Komponistin des Festivals berücksichtigten jungen und charmanten Bernadetta Matuszczak; ferner vier Werke aus der Bundesrepublik, je drei aus der ČSSR, der Schweiz und Japan sowie je zwei aus Holland, Frankreich, Österreich und Israel. An ihrer praktischen Realisierung waren maßgeblich die deutschen Rundfunkanstalten beteiligt (NDR, WDR, SWF). Neben einigen unbedeutenderen internationalen Ensembles war die Gruppe „Musica Viva Pragensis mit einem eigenen Konzert erfolgreich.

Doch ehe das renommierte Geschehen so recht in Schwung gekommen war, wurde das seit dem vergangenen Jahr, als der Westen das 42. Weltmusikfest in Warschau weitgehend boykottierte, stark ramponierte Ansehen der IGNM von einem Schlag getroffen, der die Gesellschaft nahezu die Existenz gekostet hätte. Nachdem Heinrich Strobel – dem nicht nur in seiner Eigenschaft als Welt-Präsident, sondern auch hinsichtlich der Förderung zeitgenössischer Musik innerhalb und außerhalb Europas höchste Verdienste nachzurühmen sind – pflichtgemäß und auch persönlich engagiert die Verdienste zweier im Laufe des letzten Jahres verstorbener Mitglieder (Guillaume Landré und Karl-Birger Blomdahl) in ergreifenden Nachrufen gewürdigt hatte, trat er am nächsten Morgen – unmittelbar nach Eröffnung der Delegiertenkonferenz – aus Protest gegen die von einigen ausländischen Delegierten angeregten Änderungen in Verfassungs- und Verfahrensfragen nach dreizehnjähriger Tätigkeit von seinem Amt zurück. Dieses auf den ersten Blick etwas formalistische und allenfalls verbandsintern wichtige Ereignis bedeutet allerdings weit mehr als ein Revirement. Mehr und mehr werden die Rufe nach einer stärkeren Demokratisierung der IGNM und ihrer Weltmusikfeste laut, und die jungen Komponisten wollen nicht mehr einsehen, daß mit den bestehenden Konzertformen und Musizierpraktiken ergraute Herren darüber befinden, was heute Musik ist und wo wer wie sie aufführen sollte.

Mit Strobels Rücktritt war den Funktionären der kurz vor ihrem 50jährigen Jubiläum stehenden Institution – sie ist 1922 in Salzburg gegründet worden – von vornherein gründlich die Stimmung verdorben und die Blamage für die gastgebende deutsche Sektion perfekt. Nachdem für den weiteren Verhandlungsverlauf ein Interimspräsidium gebildet worden war, wählten die Delegierten der 21 nationalen Sektionen – nach Verabschiedung einzelner Satzungsänderungen – drei Tage später den Holländer André G. Jurres zum Präsidenten und den Schweden Gunnar Bucht zum Vize-Präsidenten (für drei Jahre und der Möglichkeit zur Wiederwahl für drei weitere). Es kann also zunächst weitergehen.

Die so unerwartet ausgebrochene Krise der Internationalen Gesellschaft und die fast selbstverständliche Residenzpflicht konnten den Präsidenten der deutschen Sektion, Wolf gang Fortner, nicht davon abbringen, einer privaten Dirigierverpflichtung zum 44. Heidelberger Bachfest zu folgen. Die ihm obliegende Gastgeber-Rolle kümmerte ihn so wenig, daß er am dritten Tag Hamburg verließ, obwohl das betreffende Konzert erst einige Tage später stattfand. Wer den Präsidenten in dringender Angelegenheit zu sprechen wünschte, der mochte ihm getrost nach Heidelberg folgen.

Enttäuscht war man in Hamburg aber auch von Penderecki, besser: von dessen Festbeitrag, dem eigens zu diesem Anlaß komponierten Opern-Erstling „Die Teufel von Loudun“, dem in der Hamburger Inszenierung von Konrad Swinarski und unter der musikalischen Leitung von Henryk Czyz – polnische Interpreten, die Penderecki seit langem selber für die Uraufführung dem ausrichtenden Operninstitut aufdrängte – kein Erfolg beschieden war, wohingegen die Stuttgarter Realisierung zwei Tage später (Regie: Günther Rennert; musikalische Leitung: Janos Kulka) sehr wohl überzeugte. Nur wenige Stunden, nachdem im Württembergischen Staatstheater der Vorhang gefallen war, reiste Penderecki zurück nach Hamburg, um dort sein Werk für weitere Aufführung sperren zu lassen: Nur wenn es gelänge, eine volle Woche lang mit Orchester und Darstellern unter einem anderen Dirigenten und in korrigierter Szene zu proben und szenische Änderungen zu erwirken, nur dann könne die Oper für weitere Aufführungen freigegeben werden. Dezidiert und wiederholt an den Komponisten gestellte Fragen, ob ihn (Penderecki) der Intendant bei Aufbietung aller Überredungskünste und allen diplomatischen Geschicks in seiner Entscheidung nicht umstimmen könne, beantwortete dieser: „Das ist unwiderruflich!“ Einem namhaften Kritiker machte er diese Mitteilung sogar schriftlich.