„Visions cosmiques“; Jean Guillou (Orgel); Philips 836 890 DSY, 25 – DM

Die Aufnahme trägt den Untertitel „Improvisationen, der Besatzung von Apollo 8 gewidmet“ – die Widmung könnte irreführen: Es handelt sich nicht um mögliche Begleitmusiken für einen Science-fiction- Film oder eine Raumflug-Dokumentation, sondern schlicht um Improvisationen, die zunächst autonom musikalisch strukturiert sind, deren musikalisches Material aber bestimmten Assoziationsforderungen genügt. Zwei Nächte hindurch spielte Guillou auf der großen Orgel von Saint-Eustache zu Paris eine Reihe von Improvisationen, sieben davon wurden für die Platte ausgewählt, sie tragen die Bezeichnungen: Leonardo/Requiem für die Toten der Raumfahrt/Laser/Ikarus/Nova/Meteoriten/Orbit. In all diesen Sätzen ist ein musikalischthematisches Gegensatzpaar aufgestellt, es kann, sagt der Komponist und Interpret, wenn man will, hermeneutisch als der Konflikt Eros-Thanatos, Liebe-Tod, gehört werden.

Wenngleich in der Philips-Serie „Prospective 21° siècle erschienen, ist Guillous Musik durchaus nicht das Letzte vom Letzten an Orgelmusik. Die ganze Nachfolgegeneration der französischen Spätromantik, von César Franck über Charles-Marie Widor bis zu Marcel Dupré that hier beeinflussend mitgewirkt, große Orgel wiird hier verlangt mit bombastischen Klangentfaltungen, ätherischem Säuseln und raffinierten Register-Mischungen. Guillou ist ein brillanter Spiieler, virtuos und mit stupender Technik. Daß es eine Life-Improvisation ist, möchte man glauben: ein paarmal greift er hübsch daneben – aber immer ist er von geradezu unheimlicher Phantaisie beflügelt. Heinz Josef Herbort