Von Sepp Binder

Koblenz

Alles Leben komme aus dem Wasser, behauptete vor zweieinhalbtausend. Jahren Thales von Milet. Doch am Rhein, zwischen dem Mäuseturm bei Bingen und der Mole im holländischen Brouwershaven, glaubt das heute niemand mehr: Vater Rhein nämlich ist impotent geworden.

Denn während man vor vierzehn Tagen in der Rüdesheimer Drosselgasse noch lauthals das Lied vom Fischlein schmetterte, das man so gern sein möchte, begann nur wenige Kilometer stromaufwärts das größte Fischsterben in der Geschichte des Rheins. „Aber was da auf uns zukam“, erinnert sich heute ein Beamter des Wasser- und Schiffahrtsamtes Koblenz, „konnte man zu dem Zeitpunkt, da wir die weißen Fischleichen zu Millionen tot in Richtung Boppard treiben sahen, nicht vorausahnen.“

Die fortschreitende Vergiftung des Rheins, der allein in Nordrhein-Westfalen über 3,5 Millionen Menschen indirekt mit Trinkwasser versorgt, ist anscheinend längst selbstverständlich geworden: Ein plötzlich auftretendes Fischsterben über fünfzig Kilometer hinweg sei, so versichert ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Ernährungsministeriums, „schon öfter mal vorgekommen“. Es höre aber auch ebenso plötzlich wieder auf und erschrecke deshalb niemanden mehr.

Diesmal aber hörte der schwimmende Leichenzug nicht auf: eine biologische Katastrophe wälzte sich durch Deutschland in Richtung Holland – und für die jeweils „zuständige Stelle“ schien die Problematik an der Wassergrenze des eigenen Amtsbereichs in ein Land davonzuschwimmen, zu dem man keine freundschaftlichen Beziehungen unterhält.

Für Rheinland-Pfalz endete das Fischsterben an der nordrhein-westfälischen Grenze bei Rhöndorf. Das nächste Wasserwerk rheinabwärts bemerkte die Giftwelle erst, als sich die Fischleichen an den Uferböschungen zu häufen begannen und die letzten resistenten Rheinratten sich ans Land zu retten versuchten. Das Düsseldorfer Wasserwerk, seit 1960 Meldekopf im Katastrophen-Alarmplan, unterrichtete zwar die übrigen Wasserwerke des Landes – an die Holländer wiederum erinnerte sich aber erst wieder Ministerialrat Häringer bei der Düsseldorfer Landesregierung: Er kam fünf Tage nach Beginn der ersten Vergiftungserscheinungen von einer Dienstreise zurück und warnte sofort seinen niederländischen Kollegen.