Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juli

Ein paar Minuten lang hatte es den Anschein, als werde es allen feierlichen Vorsätzen zum Trotz doch zu einem Mißklang kommen. Um einige Nuancen zu betont sprach Bundestags-, Präsident von Hassel von der gebotenen politischen Zurückhaltung des Bundespräsidenten, und je mehr er sein Thema ausschmückte und das Staatsoberhaupt beinahe als ein völliges politisches Neutrum abbildete, desto lauter wurde das unruhige Gemurmel in den Reihen der sozialdemokratischen Fraktion. Fast schien es, als werde im nächsten Augenblick ein Zwischenruf alle zusammenschrecken lassen oder der erste SPD-Abgeordnete aufstehen und türenschlagend hinausgehen.

Aber dieser Augenblick des möglichen Protests ging vorüber, Hassel wechselte über zur Laudatio auf Heinrich Lübke, und als er wenig später dem neuen Präsidenten Gustav Heinemann versicherte, daß ihn. auch diejenigen Abgeordneten als frei gewähltes Staatsoberhaupt achteten, die ihm nicht die Stimme, gegeben hatten, da war es der demonstrative, bekräftigende Beifall der CDU/CSU-Fraktion, der den Rest der Spannung, auflöste. Freilich: Hinterher, nach der gemeinsamen Sitzung des Bundestages und Bundesrates, in der Heinrich Lübke verabschiedet und Gustav Heinemann vereidigt wurde, gab es nicht wenige Abgeordnete der Union, die sich befriedigt darüber äußerten, daß dem neuen Bundespräsidenten die Grenzen seines Amtes und seiner Möglichkeiten vor Augen geführt wurden, wie sich umgekehrt viele Sozialdemokraten darüber empört zeigten, daß Hassel sich diese Lektion herausgenommen hatte.

Die schiedlich-friedlichen Zeremonien, die den Präsidentenwechsel begleiteten, täuschen ein wenig: Nicht die feierliche Versammlung von Bundestag und Bundesrat, und nicht der einträchtige Abschieds- und Antrittsempfang, zu dem der alte und der neue Präsident am Abend zuvor nach Schloß Augustusburg in Brühl bei Bonn gebeten hatten, waren charakteristisch – charakteristisch bleibt fürs erste jene Szene in der Berliner Ostpreußenhalle am Abend des 5. März, als Heinemann nach drei zermürbenden Wahlgängen das Rennen gemacht hatte und die Wahlmänner der CDU/CSU wie versteinert dasaßen.

Was Heinemann später, freilich in einem interpretierenden Zusammenhang, als „Machtwechsel“ bezeichnete, eben dies macht der Union noch immer zu schaffen. Zwar sind die Unmutsreaktionen über die Niederlage in Berlin, als nach dem zweiten Wahlgang der Sieg Gerhard Schröders zum Greifen nahe schien, abgeklungen und schon halb vergessen. Aber mit einer gewissen Genugtuung haben Christliche Demokraten die Nachricht aufgenommen, daß die Stuttgarter Landesregierung unter dem CDU-Ministerpräsidenten Filbinger noch immer keinen Termin für den Antrittsbesuch des neuen Bundespräsidenten in Baden-Württemberg, das demnächst auch die Wahlkampfheimat von Bundeskanzler Kiesinger sein wird, gefunden hat.

Auf der anderen Seite ist es der SPD manchmal schwergefallen, ihre Triumphgefühle zu zügeln. Zwar hat sie sich darauf beschränkt, den Erfolg ihres Kandidaten in einer Zeitungsanzeige und durch eine Huldigung auf ihrem jüngsten Godesberger Parteitag herauszustreichen. Aber noch in der gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat, nach der Vereidigung Heinemanns, mochte sich der Bundesratspräsident und Hamburger Bürgermeister, der Sozialdemokrat Herbert Weichmann, als letzter Redner den Hinweis nicht versagen, der Ausgang der Wahl in Berlin habe gezeigt, daß das Amt des ersten Mannes im Staate nicht den Bedingungen politischer Erbpacht unterliege.