Von Robert Lucas

Und Sie möchten kein anderes Leben führen?" fragte der Interviewer. "Nein, ich glaube nicht", antwortete der Prinz. "Mir ist nicht klar, wie ich das tun könnte, da ich nun mal in dieser Weise und in diesem Milieu erzogen worden bin."

Das Gespräch war ein Teil des grandiosesten Reklamefeldzuges, den der Hof seit der Krönung der Queen vor sechzehn Jahren geführt hat. Nur der Vatikan organisiert Symbol- und gefühlsgeladene Schauspiele mit vergleichbarem Geschick. Vom ersten Funkinterview des Thronfolgers an über Richard Cawstons bemerkenswerten "Royal-Family"-Fernsehfilm und Prinz Charles’ eigenes TV-Interview wurde die Aufbaukampagne ihrem glanzvollen Höhepunkt entgegengeführt: der Investitur des Prinzen in Caernarvon. Die vage Möglichkeit von Bombenattentaten walisischer Extremisten ergänzte die Planmäßigkeit des Zeremoniells durch einen dramatischen Faktor der Unberechenbarkeit.

Nicht, daß es hinter der würdevollen Fassade des Buckingham-Palastes und den romantischen Mauern der Burg von Caernarvon an Meinungskämpfen gefehlt hätte! Mit verbissener Feindschaft standen einander die beiden Parteien gegenüber: auf der einen Seite die "Traditionalisten" – der Herzog von Norfolk, als Earl Marshall höchster Zeremonienmeister des Königshofes, und die Hüter des heraldischen Erbes, die Wappenkönige mit dem Garter King of Arms, Sir Anthony Richard Wagner, an der Spitze; auf der anderen Seite die "Modernen" unter der Führung von Lord Snowdon, dem "walisischen Onkel" des Prinzen, der, wie sich bei diesem Anlaß herausstellte, der Burgherr von Caernarvon ist, und Bill Heseltine, dem australischen Pressesekretär der Königin.

Es ging dabei um mehr als bloß einen Konflikt von Persönlichkeiten und Generationen. Im Kern ging es um nichts anderes als um das Bild der Monarchie im Zeitalter der Kernwaffen und Mondflüge, der Miniröcke und Rolling Stones. Wohl mag es sich beim Königtum, betrachtet man es rein rational, um eine anachronistische Institution handeln. Aber niemand kann bezweifeln, daß es ein ungemein populärer Anachronismus ist – populär auch im eigenen Lande, nicht nur im republikanischen Ausland.

Bei einer Meinungsbefragung erklärten Mitte Juni 70 Prozent, daß sie Prinz Charles "bewunderten", unter den 65jährigen und älteren waren es sogar 81 Prozent. Das Absinken der "Bewunderung" bei den jüngeren Jahrgängen – keine Gegnerschaft, sondern eher Interesselosigkeit – ist freilich ein Warnsignal, das der Hof nicht ignorieren darf.

So sollten die beispiellosen Filmaufnahmen aus dem Privatleben der Königsfamilie und die Interviews mit dem Prinzen offensichtlich demonstrieren, daß die Windsors, wenn auch nicht gerade with it, so durchaus fortschrittlich und demokratisch denkende Menschen sind –, und vor allem wirklich Menschen und nicht bloß lebende Symbole, nicht bloß Modelle für Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett.

Gerade dieses Bemühen hat unter den "Traditionalisten" schwere Bedenken ausgelöst. Werden nicht – so lauten ihre Besorgnisse – die indiskreten Einblicke in den Alltag der allerhöchsten Familie, die Beseitigung der Distanz zwischen Palast und Bevölkerung jene Mystik zerstören, die einer der stärksten Pfeiler der Monarchie ist?

Soweit sich heute beurteilen läßt, waren diese Befürchtungen grundlos. Aus einer Prüfung, mit der verglichen Prinz Taminos Gang durch Feuer und Wasser als reiner Kuraufenthalt betrachtet werden muß, ist Prinz Charles mit allen Ehren hervorgegangen. Er hat sich vor der Fernsehkamera als ein sympathischer und charmanter Junge erwiesen, der sich mit bescheidener Natürlichkeit benimmt und über jene Mischung von Selbstvertrauen und Schüchternheit verfügt, die man in England bei einem Zwanzigjährigen über alles schätzt.

An seinen Vater erinnern nicht nur gewisse Handbewegungen und der Schnitt seiner Anzüge – sie haben denselben Schneider. Der Prinz ist das Produkt einer Erziehung, deren Konturen im wesentlichen der Herzog von Edinburgh vorgezeichnet hat. Der Geist von Salem und Kurt Hahns Exilgründung Gordonstoun wurde hier auf die zweite Generation übertragen. Daß Charles nicht von einem Tutor im Palast erzogen wurde, sondern in einer public school, war bereits ein Bruch mit der königlichen Tradition; daß es Gordonstoun war und nicht Eton, ein Bruch mit der aristokratischen Konvention.

Aber schon vorher zeigten sich in Cheam, der kleinen boarding school, die auch Prinz Philips erste englische Schule gewesen war, die besonderen Schwierigkeiten, die mit der Erziehung eines Kronprinzen verbunden sind. Pressephotographen und Reporter lauerten dem Neunjährigen auf, und erst ein eindringlicher Appell vom Buckingham Palace stellte den Unfug ab. Daß er einen spartanisch eingerichteten Schlafsaal mit neun anderen Jungen teilte, war wohl ungewohnt, aber nicht allzu schlimm, und er unterzog sich willig neuen Aufgaben, die normalerweise nicht zu einem prinzlichen Pflichtenkreis gehören, wie Bettmachen, Stubenkehren und Schuhputzen. Bedenklicher war es, daß er es schwierig fand, Freundschaften zu schließen.

Im Gegensatz zu seinem Vater ist Charles ein introvertierter Typ, und seine Hemmungen wurden durch die Entdeckung verstärkt, daß sich – zumindest in seinem ersten Jahr in Cheam – gerade die netteren unter seinen Schulkameraden von ihm fernhielten, weil sie nicht als "Speichellecker" gelten wollten. Er war unglücklich, und es ist nicht verwunderlich, daß seine Schulleistungen zu wünschen übrig ließen, besonders in Mathematik. Unter diesen Umständen ist es zweifelhaft, ob nachher Gordonstoun mit seinem blinden Glauben an Charakterbildung durch Körperertüchtigung die ideale Schule für sein empfindsames Temperament war. Aber unter dem harten schottischen Himmel machte sich Charles von der Beherrschung durch die väterliche Autorität frei, und der rebellische Reifeprozeß wurde in einem glücklichen Jahr in der australischen "Timbertop"-Schule vollendet.

Daß er zum Unterschied von Prinz Philip in Cambridge studieren kann, ist gleichsam die formelle Bestätigung seiner Individualität. "Ich bin einer von den Dummköpfen, die nie an eine Universität gingen", sagte Philip einmal. "Und ich bin einer von den Dummköpfen, die an der Universität studieren," erklärte sein Sohn in einem Interview mit demselben skeptischen Humor, der ihn in einer Studentenrevue seine Rolle als Kehrichtfuhrmann in einer Mülltonne à la Samuel Beckett spielen ließ. Wenn er seinen Beruf frei wählen könnte, würde er gerne Schauspieler werden. Sein Tutor in Trinity College versichert, daß er ein ungemein eifriger Arbeiter ist; offenbar will er beweisen, daß er seine Aufnahme in die Universität nicht bloß seiner besonderen Stellung verdankt. Im College genießt er keine Privilegien, außer daß er in seinem Zimmer über ein privates Telephon verfügt und daß (worauf er gerne verzichtet hätte) der ihm zugeteilte Detektiv ein Zimmer im selben Trakt bewohnt. Er spielt Cello und hat es gelernt, ein Sportflugzeug zu fliegen.

Vor seiner Investitur verbrachte Prinz Charles neun Wochen an der Waliser Universität von Aberystwith. Protestierende Studenten empfingen ihn mit Schmährufen und einem Hungerstreik. Manche der Demonstranten gaben die weitverbreitete Meinung wieder, das Geld, das für Zeremoniell und Gepränge ausgegeben werde, könnte bessere Verwendung finden. Extreme Verteidiger keltischer Belange erinnerten sich, daß Caernarvon Castle vor sechseinhalb Jahrhunderten als englische Zwingburg im unterworfenen Wales erbaut wurde; sie betrachteten die Investitur als Provokation.

Daß die "Charlie-go-home!"-Plakate sehr bald verschwanden, war nicht auf die Bemühungen der Genealogen zurückzuführen, die Abstammung des Prinzen von Llywelyn ap Gruffyd ap Llywelin und ähnlichen nebelhaften Gestalten der keltischen Vergangenheit nachzuweisen. Es war Charles persönlichster Sieg. Sein Triumph war vollkommen, als er sich vor einem Monat während des Eisteddfod erhob und die versammelte Menge durch eine Ansprache in Begeisterung versetzte – eine frei gesprochene Rede in ihrer eigenen schwierigen Sprache, die in Wales selbst nur eine Minderheit der Bevölkerung beherrscht.

Der neue Prinz von Wales ist offenbar geschult und gewillt, der englischen Monarchie ein fortschrittliches Image zu geben und das deutsche Motto des Schwarzen Prinzen zu verwirklichen, das seine eigene Losung ist: "Ich dien’." So scheint der Meinungsstreit zwischen den Hofideologen bereits zugunsten der "Modernen" entschieden zu sein.