Von Walther F. Kleffel

Mit einer großen Überraschung, die auch in der Totoquote von 137 : 10 zum Ausdruck kam, endete am vergangenen Sonntag der Kampf der besten deutschen dreijährigen Vollblutpferde im 100. Deutschen Derby zu Hamburg-Horn. Selbst die Besitzerin des Gestütes und Rennstalles Schlenderhan, Freifrau Gabriele v. Oppenheim, hatte nicht an den Sieg ihres Hengstes Don Giovanni geglaubt. Um so größer war natürlich die Freude, zumal die launische Göttin des Glücks dieses schöne Geschenk den blau-roten Farben ausgerechnet in dem Jahr reichte, in dem dieses nun älteste deutsche Privatgestüt seinen hundertsten Geburtstag feiern will.

Der 14. Derbysieg des alles in allem volkstümlichsten deutschen Gestüts war so sicher und überzeugend, daß an ihm nichts zu deuteln gab. Trotzdem muß man Don Giovanni als den glücklichsten Teilnehmer von mehreren gleich guten Spitzenpferden bezeichnen. Er und die beiden nächst plazierten Pferde wurden von englischen Jockeis geritten. Sie hatten auch schon in einem vorausgegangenen Rennen von sechs Reitern vier englische Jockeis in Front und an den früheren Renntagen der Jubiläumswoche eindeutig ihre Überlegenheit über die deutschen Kollegen sichtbar demonstriert. Sie sind unseren ersten Jockeis um mehr als eine ganze Klasse an Sitz, Stil, Tempogefühl, Zügel- und Peitschenführung voraus. Das muß endlich einmal gesagt werden, um das deutsche Renndirektorium wie die beteiligten Gestüte und Ställe zu veranlassen, in der grundlegenden Lehrlingsausbildung endlich neue und bessere Wege zu beschreiten.

Erfreulich ist für die deutsche Zucht, daß der Sieger, ein Produkt des Derbysiegers 1957 Orsini (geritten von dem englischen Meisterjockei Lester Piggott) und der Klassestute Donna Diana, ein rein deutsch gezogenes Pferd ist. Diesem schönen Triumph wohnten auf der Horner Rennbahn mit dem aus seinem Amt scheidenden Bundespräsidenten, Heinrich Lübke, fast 40 000 Menschen in einer Hochstimmung bei, wie man sie hier wohl seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hat, aber hoffentlich in der Folgezeit noch häufiger wiederfinden wird.

Nun, da das Jubiläums-Derby (finanziell wie besuchsmäßig) unbestreitbar ein großer Erfolg geworden ist, gilt es, die Folgerungen daraus zu ziehen. Das 100. Deutsche Derby darf nicht ein glanzvoller Höhepunkt in der über hundert Jahre alten Geschichte des Hamburgischen Rennsports bleiben und seine Organisatoren etwa dazu verführen, auf ihren Lorbeeren auszuruhen oder gar womöglich in die alte Trägheit zurückzufallen. Die lahmen Ausreden, mit denen man immer wieder operiert hat, daß dieses und jenes hier im Gegensatz zu dem Westen der Bundesrepublik einfach nicht möglich sei, weil sich die Situation gerade in Hamburg gegenüber früher völlig geändert habe, wird man künftighin nicht mehr gelten lassen können. Das letzte Deutsche Derby muß ein Wegweiser zu neuen Zielen sein, der Anreiz zu einem neuen Beginnen. Hier stellt sich die Frage, ob der Erfolg dieses Jahres nicht Senat und Bürgerschaft der Freien und Hansestadt und den hier beheimateten Rennclub anspornen sollten, an die alte bewährte Hamburger Renntradition anzuknüpfen.

Es trifft sich außerordentlich glücklich, daß die benachbarte und befreundete Stadt Bremen allen bekannten Schwierigkeiten der Nachkriegszeiten zum Trotz in den letzten drei Jahren den ortseigenen Rennsport in einer Weise aktiviert hat, wie das vorher niemand im ganzen deutschen Rennsport für möglich gehalten hat. Bremen hat für dieses Jahr nicht weniger als elf Renntage auf seinem Sportkalender stehen und für das kommende Jahr schon jetzt eine Erweiterung seines Programms versprochen. Hamburg hatte in den Jahren zwischen den beiden Kriegen (um von früheren Zeiten gar nicht zu sprechen) auf seinen beiden Bahnen Horn und Groß-Borstel neben der Derby-Woche ein Frühjahrs- und ein Herbst-Meeting, die immer gut beschickt und auch gut besucht waren. Vergessen wir auch nicht, daß der Hamburger Sport-Club, der einstige Konkurrent des Derby-Veranstalters, schon 1896 mit seinem Großen Preis von Hamburg das erste 100 000-Mark-Rennen schuf, das das Zeitalterder „Großen Preise“ in unserem Rennsport eröffnete. So etwas verpflichtet doch. Schade, daß der genannte Sport-Club nicht mehr existiert.

Nach allen Erfahrungen und Beispielen des Inwie Auslandes aus der Vergangenheit (Hamburg) wie Gegenwart (Bremen) ist eine echte Volkstümlichkeit des Rennsports nicht durch ein einmaliges Gastspiel ortsfremder Rennställe zu erzielen, sondern allein durch bodenständige Trainieranstalten und regelmäßige Rennen möglich. Nach dem Erfolg der Derby-Woche bietet sich geradezu die schöne Horner Rennbahn dazu an, sie wieder für mehrere Renntage (Frühjahrs- und Herbst-Meeting) zu nutzen. Auch die Wiederaufnahme eines Trainingsbetriebs, vielleicht betreut durch ein norddeutsches Rennkartell, ist auf dem in Horn noch vorhandenen Gelände mit einigen notwendigen Veränderungen durchaus möglich. Werden die nötigen Baulichkeiten (unter anderem auch Unterkünfte für Trainer und Stallpersonal und Ställe) geschaffen, was bei einem nur einigermaßen guten Willen nicht schwierig sein dürfte, werden bestimmt wohl zumindest die in Hamburg und seiner Umgebung wohnenden Rennstallbesitzer bereit sein, ihre Pferde hier trainieren zu lassen.