Eine aufsehenerregende Entdeckung gelang denbeiden amerikanischen Virologen C. Colby und P. H. Duesberg vom „Department of Molecular Biology and Virus Laboratory“ der University of California in Berkeley. Die Forscher fanden, was bei unserem mittlerweile relativ guten Wissen vom „Leben“, von der Speicherung der Geninformation in der Desoxyribonukleinsäure (DNS) und der Realisierung dieser Erbinformation in der Zelle kaum jemand noch erwartet hätte: eine neue Art von Erbsubstanz, eine Nukleinsäure, die – das ist das Aufregende an der Geschichte – im herkömmlichen und seit Jahren allgemein akzeptierten Schema von der Funktion der Nukleinsäuren im Zellstoffwechsel eigentlich keinen Platz mehr hat.

Heute zweifelt niemand mehr daran, daß ein Gen prinzipiell so funktioniert: Die Erbinformation, verschlüsselt in der spezifischen Basensequenz der DNS im Zellkern, wird zunächst in die entsprechende (komplementäre) Basenfolge einer Ribonukleinsäure (RNS), der sogenannten „Messenger“- oder „Boten-RNS“ (m-RNS), transkribiert. Diese wandert dann an die Ribosomen im Zytoplasma, wo die spezifische Basensequenz der m-RNS in die entsprechende Aminosäuresequenz eines Eiweißmoleküls, beispielsweise eines Enzyms, „übersetzt“ wird. Bei diesem Übersetzungsschritt spielen zwei weitere Ribonukleinsäuren, die sogenannte „Transfer-RNS“ und die „ribosomale RNS“, eine entscheidende Rolle.

Wichtig ist dies: Jede dieser drei verschiedenen Arten von Ribonukleinsäure liegt im Gegensatz zur eigentlichen Erbsubstanz DNS, die sich aus zwei ineinander verdrillten Molekülfäden aufbaut, als Einzelstrang vor. Doppelsträngige Ribonukleinsäure war bisher nur von RNS-Viren bekannt, solchen Viren also, die an Stelle von DNS ausnahmsweise RNS als Erbsubstanz besitzen.

Jetzt aber fanden die beiden Forscher zur allgemeinen Überraschung, daß doppelsträngige RNS durchaus kein Privileg der RNS-Viren ist; auch DNS-Viren, wie zum Beispiel das Vakzine-Virus, veranlaßt die infizierte Zelle zur Synthese doppelsträngiger RNS – ja, es zeigte sich, daß selbst nichtinfizierte, normale Zellen (in diesem Fall Hühnerzellen) eine Doppel-RNS besitzen. Wie Colby und Duesberg in der Zeitschrift „Nature“ (7. Juni) berichten, ist ihnen in Versuchen, bei denen sie radioaktiv markierte RNS-Bausteine verwendet haben, der Nachweis gelungen, daß in Hühnerfibroblasten nach Infektion mit Vakzine-Virus bis zu drei Prozent der gesamten Zell-RNS doppelsträngig vorliegt.

Nach allem, was man mittlerweile über den Vermehrungsmechanismus DNS-haltiger Viren in ihren Wirtszellen weiß, besteht absolut keine Veranlassung, doppelsträngige RNS als Zwischenstufe der Virusproduktion zu postulieren; und schon gar nichts wissen die Molekularbiologen mit einer solchen RNS in normalen Zellen anzufangen. Dennoch muß diese ominöse Nukleinsäure in beiden Fällen doch irgendeine Funktion erfüllen. Was soll man also von der ganzen Sache halten? Muß unser Bild von der Replikation von DNS-Viren revidiert werden? Bedarf die heutige Auffassung von der Wirkungsweise der Nukleinsäuren in der Zelle einer Korrektur?

Was die virusinduzierte Doppelstrang-RNS betrifft, so könnte Interferon des Rätsels Lösung bringen. Interferon, von vielen Wissenschaftlern als Heilmittel der Zukunft betrachtet, ist jenes geheimnisvolle Protein, das virusinfizierte, animalische Zellen als hochwirksame Abwehrwaffe gegen die unliebsamen Eindringlinge produzieren. Seine Eigenschaften sind erstaunlich: Es hemmt sehr spezifisch die Virusvermehrung allgemein, ohne den Eigenstoffwechsel der Zelle im geringsten zu beeinträchtigen.

Man weiß, daß sehr viele Virusarten, DNSwie RNS-Viren, in dem von ihnen befallenen Organismus die Produktion von Interferon anregen, und es hat nicht an Versuchen gefehlt, Zellen künstlich, ohne die Mithilfe von Viren, zur Herstellung von Interferon als Schutz gegen Virusinfektionen, sozusagen als zelleigenen Universalimpfstoff, zu veranlassen.