ZDF, Dienstag, 24. Juni: "Das Ende der Nachkriegszeit"

Die Studenten riefen Springer-Mörder, der kölsche Jung wurde rheinabwärts gefahren, ein SPD-Minister zog seinen Homburg, und Rainer Barzel etikettierte die DDR derart als SBZ, daß das zet am Ende im Raum stehenblieb, als sei vom Zuchthaus die Rede gewesen. Gustav Trampe, ein Liberaler unter Mainzens law and order-Hütern von Schenks und Löwenthals Schlag, versuchte an Hand solcher Bilder das Ende der Nachkriegszeit ins Blickfeld zu rücken – aber so ehrenwert seine Absichten waren und so behutsam er eine SPD-FDP-Koalition als einzig vernünftige Lösung anbot: es fehlte der Sendung an kritischer Verve.

In der Tagesschau kurz zuvor hatte man aus dem Mund bedächtiger Freidemokraten weit schärfere Worte gehört, vom Widerspruch zwischen dem Grundgesetz und der Verfassungswirklichkeit war da die Rede, Konzentration und Übermacht der wenigen wurden beklagt, das Fehlen wirksamer Kontrollen bemängelt. Und eben davon sagte Trampe kein einziges Wort.

Mochte er, sehr indirekt: eher in Parenthese und zögernd, hinter den Alleinvertretungsanspruch ein Fragezeichen, ein ganz kleines hauchdünnes, setzen, mochte er in Aufwertungssachen, vielleicht, vielleicht, man könnte dergleichen vermuten, nicht unbedingt die Position jener Kanzlerpartei akzeptieren, die da den Millionen von unwissenden Liesen und Fritzen den Laufpaß erteilte und den paar tausend Absen und Flicken sich sehr zu Diensten erwies: Wie konnte er, kaum daß SBZ-Schimpfer Barzel von der Bildfläche war, die These vertreten, der schwarze Peter läge bei der DDR, sie und nicht die Männer vom Rhein seien einem von Feindseligkeiten freien Verhältnis abhold?

Wie konnte er die Verabschiedung der Notstandsgesetze mit kurzem Satz, sie sind vom Tisch, unter die Aktiva dieser Regierung placieren? Und wie, vor allen Dingen, konnte er in einer Sendung, die den fünften deutschen Bundestag betraf, in erster Linie der Regierung und ihrer Taten und Unterlassungen und erst sekundär des Parlaments gedenken?

Wäre es nicht vor allem anderen nötig gewesen, Ohnmacht und Selbstentrechtung jenes Hohen Hauses zu analysieren, das heute gerade noch im eigenen Keller geduldet wird, während in der Beletage die Exekutive immer unkontrollierter regiert und draußen in Garten und Hof die Interessengruppen mit der Ministerialbürokratie oder den Regierungsvertretern jene Gesetze aushandeln, die dann das Parlament nur noch zu veröffentlichen hat... das gute alte Parlament, das da zwischen Regierung und Volk sein Schleierchen hinhält und dessen Mitglieder – eben noch, draußen im Garten, als Verbandssprecher tätig – im Zeichen der Exekutive, der vorparlamentarischen Entscheidung und der Parteihierarchie ihre Hauptaufgabe im Nachweis eines demokratischen Alibis für die vollziehende Gewalt haben.

War es wirklich nur ein Zufall, daß Trampe, in seiner Bilanz des fünften deutschen Bundestages, jener Kellerkinder so wenig gedachte, von denen es heißt, sie seien Vertreter des ganzen Volkes, nicht an Aufträge und Weisungen gebunden und verantwortlich allein ihrem Gewissen? Die zu Kontrolleuren bestellt sind – sollten sie am Ende Schwarzfahrer sein? Momos