Unser Kritiker sah:

DIE ACHARNER Komödie von Aristophanes Frankfurter Städtische Bühnen, Schauspiel

Es ist Bühnenmode geworden, mit dem Entsetzen Scherz zu treiben, eine Selbstverständliche Antikriegsgesinnung als Triebfeder für komödienhafte oder kabarettistische Theaterspiele zu benutzen. Das ist um so unverfänglicher, je weiter entfernt die wirklichen, die grausigen Kriege der Gegenwart stattfinden. In dieser Situation, zugleich aber mit dem pseudomoralischen Augenzwinkern, wie aktuell und friedenspropagandistisch man Theater mache, fand in Frankfurt ein Versuch statt: Die früheste der erhaltenen Komödien des antiken Spottvogels Aristophanes, „Die Acharner“ (425 v. Chr.), sollte in einer neuen Übersetzung und Bearbeitung von Wolfgang Schadewaldt für das moderne Theater gewonnen werden.

Die beiden späteren Stücke der aristophanischen Friedenstrilogie – „Der Frieden“ und „Lysistrate“ – können auf dem historischen Hintergrund des fast dreißigjährigen Peloponnesischen Krieges auch heute gespielt werden, ohne daß der Zuschauer unmögliche Parallelen zur Gegenwart ziehen muß. Welch fulminante Wirkungen „Der Frieden“ hergibt, das hat vor Jahren Benno Besson im Ostberliner Deutschen Theater mit einer Inszenierung bewiesen, die auch in Westdeutschland gezeigt worden ist. Und „Lysistrate“ hat mit dem Ehestreik der Frauen ein zeitlos wirksames Thema.

Anders die „Acharner“. Das sind die Bewohner einer durch Weinbau und Kohlengewinnung für den athenischen Staat wirtschaftlich besonders wichtigen Landschaft. Obwohl gerade sie von den Verwüstungen der Spartaner hart getroffen ist, droht der von athenischer Kriegsideologie verblendete Chor der Acharner, den einzigen Mann zu steinigen, der in der Volksversammlung vergeblich einen vernünftigen Friedensschluß mit den Spartanern verlangt hat: den Bauern Dikaiopolis (den „Redlichen“). Nachdem er das in der attischen Komödie übliche Streitgespräch mit dem Chor bestanden hat und bereit war, seinen Kopf auf den Richtblock zu legen, schließt Dikaiopolis einen privaten Sonderfrieden mit Sparta und eröffnet rund um sein Haus einen freien Markt. Da gibt es plötzlich, obwohl der Krieg noch 25 Jahre dauern sollte, eine anarchische Oase des Wohlstands. Die Bewohner anderer vom Krieg heimgesuchter Landstriche, Böotier und Megarer, kommen zu Handel und Wandel auf den Markt des Dikaiopolis. Am Schluß feiert er als Freudenfest über den Privatfrieden die ländlichen Dionysien.

Das ist für heutige Zuschauer eine nicht nachvollziehbare Story. Doch weder Schadewaldt noch der Regisseur Ulrich Brecht beabsichtigten, die „Acharner“ nun etwa als absurdes Theater aufzuziehen. In der ersten Parabase (der unmittelbaren Ansprache des Chorführers, durch den der Dichter selber spricht, an die Zuschauer) läßt der Bearbeiter Schadewaldt sagen: „Ihr Athener von damals wie heute ... merkt euch: Als Stechfliege hat euch den Dichter der Gott zu eben dem Zwecke gegeben, daß er wach euch hält, wo ihr einnicken wollt und träge werdet im Wohlstand. Denn das ist der Auftrag der heiteren Kunst für Staat und Gesellschaft: (daß sie) mit prickelndem Spott beißt, sticht und reizt und stachelt: nachzudenken.“ Wie modern dichtet der Herr Professor seinen Aristophanes nach. Aber ist das auch redlich?

Ulrich Brecht hat in Kassel, wo er als Intendant amtiert, mit einer Inszenierung der Hölderlinschen „Antigone“-Übersetzung bewiesen, daß er sogar mit begrenzten Schauspielkräften eine Tragödie des Sophokles aus ihrem Sprachgeist lebendig machen und gleichzeitig moderne Szenik sinnvoll ins Spiel bringen kann. Auch in Frankfurt führte er den Darsteller des Dikaiopolis, Hans Richter, zu einer selbstverständlich anmutenden Diktion, ebenso den Chorführer Horst Richter, wenn er in den Parabasen die Maske einmal hochschieben durfte. Im übrigen jedoch lieferte Brecht die Typenkomödie an eine abstrakte Szenik (Peter Heyduck), an eine Kostümkomik à la Pop (Barbara Domcke) und an die überwuchernde pantomimische Choreographie von Klaus Boitze aus. Trotz sich überbietender Effekte eines krampfhaften Theaters an sich war der Zuschauer stellenweise dem Einnicken nicht fern.