Von Bernhard Müller

Unser Jahrzehnt, das in sechs Monaten zu Ende geht, ist enttäuschend für den Aktionär verlaufen. Der höchste Kursstand der Nachkriegszeit wurde an der deutschen Aktienbörse im August 1960, also schon zu Beginn des Jahrzehnts, erreicht. Um die Jahreswende 1966/67 waren die Kurse nahezu halbiert. Erst Anfang. Juni 1969 streiften sie wieder den Indexstand von August 1960, ohne ihn zu überschreiten. Seitdem sind die Kurse wieder so weit zurückgefallen, daß der Index etwa 10 Prozent unter dem Stand von Anfang Juni 1969 liegt.

Der Aktionär verspürte während der letzten zehn Jahre mehr den Risikocharakter der Aktie als deren Wachstumschance. Zweifellos gibt der Aktienindex nur ein grobes Durchschnittsbild. Denkt man an Werte wie Schering und BMW, die hohe Gewinne brachten, so differenziert sich das Bild. Auch eine Reihe von Standardwerten, etwa AEG, Deutsche Bank oder Siemens, notieren über ihren historischen Höchstkursen, bereinigt man die Kurse um zwischenzeitliche Kapitalveränderungen. Dem stehen aber Werte wie zum Beispiel die Montane gegenüber, deren Höchstkurse kaum wieder erreichbar erscheinen. Im ganzen ist das Bild dieses Jahrzehnts für den Aktionär kaum auf der Habenseite zu verbuchen.

Es kann daher nicht verwundern, daß viele leidgeprüfte Anleger sich heute fragen, ob sie das derzeitige Kursniveau nicht zum Verkaufen deutscher Aktien nutzen sollten, um sich größere Enttäuschungen zu ersparen. Es wird mit Recht darauf hingewiesen, daß es Parallelen zu der Situation von 1960 gibt. Anzeichen für konjunkturelle Spannungen, die Diskussion um eine Mark-Aufwertung, die Gefahr einer inflationären Entwicklung und verstärkte Auslandskäufe deutscher Aktien gab es damals wie heute. Befürchtungen, daß sich die Entwicklung nach 1960 wiederholen könnte, scheinen also auf den ersten Blick gar nicht so unbegründet. Es ist nur zu verständlich, daß "gebrannten Kindern" der Gedanke eher unbehaglich ist, daß die Kurse das Spitzenniveau von 1960 fast wieder erreicht haben.

So viele Parallelen man zu der Situation am Anfang dieses Jahrzehnts ziehen kann, so grundlegend unterscheidet sich die Lage heute von der des Jahres 1960. Der damals von der Aktienbörse für die deutsche Wirtschaft "geschneiderte Anzug" war zweifellos zu weit; inzwischen ist die deutsche Wirtschaft aber nicht nur in diesen "Anzug" hineingewachsen, vielmehr ist er bereits zu eng.

Ein ganz simpler, noch nicht sehr aussagefähiger Aspekt dazu: 1960 erzeugte die deutsche Wirtschaft Güter und Leistungen im Wert von 297 Milliarden Mark, 1968 waren es 529 Milliarden Mark. Selbst nach Ausschaltung der Preissteigerungen bleibt der reale Anstieg mit 40 Prozent eindrucksvoll genug. Wichtiger für den Aktienmarkt ist die Gewinnbewertung der Unternehmen. Bei den Höchstkursen des Jahres 1960 wurden die Unternehmensgewinne mit dem 25- bis 30fachen bezahlt. Heute werden die erwarteten 1969er Gewinne mit knapp dem 14fachen bewertet, womit die deutschen Aktien im internationalen Vergleich billig sind.

Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen dem Beginn und dem Ende des Jahrzehnts: Finanzstruktur und Ertragsaussichten der deutschen Unternehmen haben sich wesentlich verbessert. Daher kann man zur Zeit eine Bayer-Aktie beispielsweise mit einem Kursgewinnverhältnis von etwa 13 kaufen, während sie 1960 etwa doppelt so teuer war. Absolute Kurse miteinander zu vergleichen ist angesichts solcher Überlegungen ziemlich sinnlos.