Von Heinz Josef Herbort

Kardinäle der römischen Kurie äußerten telegraphisch „schmerzliches Erstaunen“; die Zeitschrift „Témoignage chrétien“ hingegen urteilte: „Das ist weit mehr als ein Interview, das ist ein Ereignis.“

Der vierundsechzigjährige Léon-Joseph Kardinal Suenens, Erzbischof von Mecheln und Brüssel, Primas der belgischen Katholiken, den Papst Paul VI. nach seiner Inthronisation demonstrativ an seine Seite holte und der beim II. Vatikanischen Konzil zu einem der vier Moderatoren avancierte, hat kürzlich mit einem Interview der französischen Zeitschrift „Informations Catholiques Internationales“ (ICI) in ein Wespennest gestochen: Er bezichtigte die Kurie juridischer, statischer, bürokratischer und autoritärer Tendenzen, die „Menschen kennzeichnet, die für eine etablierte Ordnung und für die Werte der Vergangenheit empfänglicher sind als für die Bedürfnisse der Zukunft, die dem Vaticanum I näher stehen als dem Jahr 2000, die es für wichtiger ansehen, Mißbräuche abzustellen, als die neuen Werte, die in Kirche und Welt an den Tag kommen, zu verstehen und zu fördern“.

Kardinal Suenens setzte dagegen ein Reformprogramm, das letztlich nur die Ideen und Beschlüsse des letzten Konzils verwirklichen soll – dies allerdings zu einem Zeitpunkt, wo alles darauf hindeutet, daß die Ideen und Beschlüsse von Rom, wenn nicht vergessen, so doch dilatorisch behandelt werden sollen.

Erster Ansatzpunkt seiner Kritik wie des Reformprogramms ist für Kardinal Suenens die vom Rom bislang arg vernachlässigte „Kollegialität“ von Papst und Bischöfen. Für den Belgier sind die von Rom kommenden Schriftstücke, eine Enzyklika wie ein Motu proprio, zu sehr die Entscheidungen eines isolierten einzelnen. Er fordert die stärkere Konsultation der Ortskirchen, das heißt der regionalen Bischofskonferenzen. „Wir hätten auf die Weise die Glaubwürdigkeitslücke überwunden.“ In diesem Zusammenhang erfährt der „Osservatore Romano“ eine vernichtende Kritik: „Er leistet durch seine einseitigen Informationen und seinen Triumphalismus dem Papsttum einen schlechten Dienst.“

Aber auch nach unten hin soll sich die Kollegialität fortsetzen. „Der Bischof – auch er – muß sich von einer gewissen paternalistischen Isolierung frei machen. Die Methoden werden demokratischer. Es wird höchste Zeit, daß wir uns dessen bewußt werden: das ändert regime ist vorbei“.

Eine neue Kollegialität würde sich für Kardinal Suenens beispielsweise in einer neuen Form der Wahl kirchlicher Oberhäupter äußern. Er fordert die Beteiligung von unterem Klerus und Laien bei der Bischofswahl und gibt zu überlegen, ob der Papst nicht in einem doppelten Verfahren, durch die regionalen Bischofskonferenzen und die römische Bischofssynode, gewählt werden sollte. Schließlich sieht er in der bisherigen Art, in der die Kardinäle ernannt werden, eine „Form des geltenden Absolutismus“, einen „Entscheid im Alleingang, nach sachlichen Kriterien, die man nicht kennt, ohne jeden Dialog“.