Die Bundesrepublik Deutschland hat ein neues Staatsoberhaupt: Seit Dienstag amtiert D. Dr. Dr. Gustav Heinemann (69), bislang Bundesjustizminister, als Nachfolger von Dr. Heinrich Lübke in der Villa Hammerschmidt.

In einer betont schlichten Feierstunde von Bundestag: und Bundesrat, an der auch das Bundeskabinett, das Diplomatische Korps und zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens teilnahmen, wurden der scheidende Bundespräsident verabschiedet, der neue auf die Urschrift des Grundgesetzes vereidigt und in sein Amt eingeführt. Am Vorabend waren beide Politiker während eines Empfanges im Schloß Augustenburg zu Brühl, an dem 3000 Gäste teilnahmen, mit dem "Großen Zapfenstreich" des Bonner Wachbataillons geehrt worden.

Nach dem Liberalen Theodor Heuss (1949 bis 1959) und dem Christdemokraten Heinrich Lübke (1959 bis 1969) ist der Sozialdemokrat Heinemann der dritte Präsident in der zwanzigjährigen Geschichte der Bundesrepublik, der allerdings nur für eine Wahlperiode im Amt bleiben will. Heinemann war am 5. März von der Bundesversammlung zu Berlin im dritten Wahlgang mit einer Mehrheit von sechs Stimmen vor dem Gegenkandidaten der CDU/CSU, Bundesverteidigungsminister Gerhard Schröder, gewählt worden. Danach legte Heinemann alle Parteiämter nieder.

Bundestagspräsident von Hassel, der die Feierstunde im Bonner Bundeshaus leitete, erinnerte noch einmal an die umkämpfte Wahl von Berlin, betonte aber: "Wir bekennen uns alle zu dieser Wahlentscheidung. Auch die Abgeordneten, die Ihnen die Stimme nicht gaben, achten in Ihnen das freigewählte deutsche Staatsoberhaupt," das "bei der Vollziehung seiner repräsentativen Aufgabe nicht in Versuchung geraten (soll), die Exekutive für sich in Anspruch zu nehmen".

Lübke hob in seiner Abschiedsrede noch einmal die drei Problemkreise hervor, denen seine Hauptsorge gegolten habe – dem Vertrauen des Bürgers in den demokratischen Staat, dem geteilten Deutschland und dem Hunger in der Welt. An die Rede Heinemanns (Auszüge siehe unten "Dokumente der ZEIT") schloß sich ein Schlußwort des Bundesratspräsidenten, Professor Wachmann, an, der als das bestimmende Wesensmerkmal des Präsidentenamtes nicht "potestas" (Macht), nicht "autoritas" (Herrschaft), sondern "dignitas" Würde bezeichnete.