Die ČSSR ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Die täglichen Meldungen über Säuberungen und Reuebekenntnisse werden auf die vierten, fünften Seiten verbannt – "In Prag nichts Neues". Mit eisernem Besen fährt Parteichef Husak durch die Parteibüros in der Provinz, durch die Redaktionsstuben, durch die Gewerkschaftszentralen. So wie im letzten Jahr in der Slowakei, bringt er nun auch in Böhmen und Mähren die Partei wieder auf Vordermann. Alle "horizontalen Verbindungen" zwischen Arbeitern, Studenten, Schülern und Schriftstellern will er zerschlagen.

Am ärgsten hat es die Journalisten getroffen. Das war vorauszusehen. Die Pressefreiheit, das spektakulärste Resultat des Reformkurses, war von Anfang an den sozialistischen "Bruderparteien" ein Ärgernis – sie zu beseitigen, ein Motiv der Intervention des 21. August. Allein in Prag sind etwa 160 Journalisten entweder arbeitslos oder haben ihre Kündigung in der Tasche. Im Rundfunk hat Bohuslav Chňoupek die Zügel in die Hand genommen – jener Mann, der in der von Moskau geplanten Kollaborationsregierung Indra Innenminister hätte werden sollen.

Husak ist bemüht, nicht in den Geruch eines Neo-Stalinisten zu kommen. Als er jüngst beteuerte, niemand sei bisher aus politischen Gründen verhaftet oder strafversetzt worden, mußte er sich von dem Prager Altkommunisten und Journalisten Karel Kyncl sagen lassen: "Gewiß ist bisher niemand verhaftet worden, aber wenn Genosse Husak erklärt, niemand habe aus politischen Gründen seinen Arbeitsplatz wechseln müssen, dann nimmt er nicht nur keine Tatsachen zur Kenntnis, sondern dann ist das eine ausgesprochene Lüge."

Nicht ohne Stolz verkündete Husak, "die Tschechoslowakei habe aufgehört, eine Arena innenpolitischer Krisen zu sein". Er vergaß hinzuzufügen, daß all die kleinen Krisen, die ihn im Frühjahr nach oben brachten, nur Symptome der einen großen Krise sind, die am 21. August begann. Die Parteizentrale mag noch so sehr die erneuerte Freundschaft mit der Sowjetunion feiern – die Mehrheit der Parteimitglieder und auch des Volkes denkt ganz anders. Es stimmt einfach nicht, daß die anhaltende Unruhe in den Fabriken und an den Schulen durch die "politische Arbeit einiger Organisationen", durch Radio Freies Europa oder durch ausländische Korrespondenten geschürt wird, wie Husaks Agitatoren behaupten. Man kann nicht Menschen jahrelang in einem Käfig gefangenhalten, sie dann für acht Monate frei lassen, danach wieder einfangen und dann von ihnen erwarten, daß sie sich ruhig verhalten und aller Spontaneität entsagen.

Stumme Solidarität verbindet alle Schichten des Volkes. An die Stelle der einst freien, jetzt wieder gleichgeschalteten Presse ist nun Untergrund-Literatur getreten: Flugblätter mit den mutigen Reden Frantisek Kriegeis und anderer gemaßregelter Funktionäre gehen von Hand zu Hand; überzeugte Reform-Verfechter aus den Intellektuellenkreisen ziehen als Wanderprediger in die Betriebe und fordern zum Durchhalten auf; Parteigenossen und Gewerkschaftsmitglieder verweigern ihre Beitragszahlungen; empörte Bürger decken das Parteiorgan "Rude Pravo" mit Leserbriefen ein; Flüsterpropaganda soll den Boykott am 21. August vorbereiten.

Der "große Schritt vorwärts", den Husak seit seinem Amtsantritt registriert, ist in Wirklichkeit ein Auf-der-Stelle-Treten. Zu beneiden ist der Parteichef nicht um seine Aufgabe. Sein außenpolitischer Kurs, ohne Zweifel der einzige, der den Tschechen und Slowaken noch Schlimmeres ersparen kann, läßt sich rational motivieren, aber gegen die mächtigen irrationalen Strömungen im Volke ist er machtlos. Er kann sich zur Zeit nur auf die abgewirtschafteten Funktionäre aus der Novotny-Ära stützen, die, ohne sowjetische Intervention, längst aus ihren Ämtern abgewählt worden wären. Ihre Hilfe kompromittiert seine Politik. Was er erntet, ist bislang nur Zorn, Haß, Verzweiflung. Karl-Heinz Janßen