Von Hellmuth Karasek

Belinda ist ein schönes, armes, taubstummes Mädchen, das bei ihrem Vater, einem wackeren, vom Glück jedoch spärlich heimgesuchten Müllersmann, in der schönen ländlichen Provinz Quebec lebt. Im Laufe eines einzigen Musicals erlernt sie die Taubstummensprache, wird von einem gewissenlosen Schönling, einem Fischer, vergewaltigt, erlebt, wie der gleiche Gewaltmensch ihren Vater bei einer tätlichen Auseinandersetzung in den Herzschlag treibt, soll ihr Kind weggenommen bekommen – ausgerechnet von der Frau ihres Vergewaltigers, die (Ironie des Schicksals!) ihrerseits kein Kind bekommen kann, greift dann endlich, endlich zur Flinte und streckt den Schurken zu Boden. Erleichterung im Publikum.

Nun geht’s vor Gericht. Glücklicherweise ist inzwischen auch der gute Onkel Doktor wieder zur Stelle, der Belinda, in heißer Liebe zu ihr entbrannt, die Taubstummensprache beigebracht hat. Er mußte leider in den kritischen Monaten in die Hauptstadt, nach Montreal, Geld verdienen für Belinda und ihren kleinen Johnny. Jetzt ist er wieder da – und die Sache endet, wie sie enden muß: Freispruch, Belinda, der Doktor, das Baby verlassen das Land und ziehen in die Stadt.

An sich ist eine Taubstumme nicht gerade die Idealheldin eines Musicals – sollte man meinen. Jedoch wenn der Arzt Belinda singend die Zeichensprache beibringt, dann greift das schon ans Gemüt. Er führt die Hand an die Augen („Ich sehe“), er zeigt auf Belinda („dich“). Belinda wiegt etwas Imaginäres in ihren Armen (aha: „ein Kind“). Schwer zu erraten, was die beiden meinen, wenn sie sich ans Herz fassen. Richtig: sie lieben einander.

Die Geschichte von dem taubstummen Aschenputtel, das von einer bösen Umwelt, da „stumm“ und „dumm“ im Englischen ein und dasselbe heißen, „Dummchen“ genannt wird, bis der Doktor sich ihrer als liebender Präzeptor annimmt, war ein Bühnenstück von Elmer Harris, später auch ein Film, und läuft jetzt im Royal Alexandra Theatre in Toronto als kanadisches Musical. Wenn in einer fiebrig wachsenden, wild pulsierenden Großstadt wie Toronto in einem verträumt viktorianischen Theater mit Blockhütte und Pioniergeist, mit unverkennbar schottischem Einwandererakzent und dem klappernden Müllerdasein an jene edleren Teile des Gemütshaushaltes appelliert wird, welche die Rührung und das Mitgefühl absondern – dann ist das schon seltsam. Aber auch wieder nicht seltsamer, als wenn europäische Großstädter trotz gegenteiliger Erfahrung auch gern ins „Land des Lächelns“ oder in die „Csárdásfürstin“ pilgern. „Johnny Belinda“ hat auch alles, was das Herz begehrt. Es hat leider nicht die Selbstironie und den spielerischen Umgang mit den Theatermitteln, über die das Musical in den besten Exemplaren der Gattung verfügt. Und es hat leider auch eine Musik (John Fenwick), die zu einem Ohr nur hereinschmalzt, um flugs wieder aus dem anderen hinauszuträufeln. Nach der Vorstellung hat man sie alsbald total vergessen.

Aber vielleicht wirkt die arme Belinda deshalb so rührend, weil sie eben in Toronto stattfindet. Also in einer Stadt, die eine der schnellstwachsenden der Erde ist. Die, nach New York, die größte Börse des Kontinents hat. In der die Bankgebäude in den Himmel wachsen. In der allein eine viertel Million Italiener leben. Die auf den Straßen, in dem Gedränge und Gewimmel aller Farben, Sprachen, Gewohnheiten zeigt, daß hier Kanadas großer Schmelztiegel ist. Deren Rathaus die Architektur fast so vieler Jahrzehnte vorwegnimmt, wie Belinda sie an die gute, alte Zeit vergeudet. Man muß das Universitätsviertel gesehen haben, um sich die imponierenden Ausmaße dieser Stadt, ihre Entschlossenheit zu architektonischen Wagnissen vorstellen zu können. Man muß sich am Abend durch die Hauptstraße, die Yonge Street, spülen lassen, um einen Eindruck von einer Großstadt, die alles rücksichtslos durcheinanderquirlt, zu haben. Der amerikanische Reisejournalist Robert S. Kane – als New Yorker nicht gerade ein Stiefkind, was großstädtische Erfahrungen anlangt – nennt Toronto die aufregendste Großstadt Nordamerikas. Und da auch ihm vor Superlativen angst wird, fügt er rasch hinzu: „Wenn man von Mexico City absieht.“

Wie überall in nordamerikanischen Großstädten scheint es auch in den Hauptstraßen Torontos nicht zu stören, daß man an jeder ihrer Kreuzungen abbiegen kann – und ist nach wenigen Schritten in Düsternis, in Baufälligkeit, in Abbruchreife.