Von Willi Bongard

Der Student der Betriebswirtschaftslehre an der Universität München war gekommen, um sich seinen Seminarschein für eine Volkswirtschaftliche Übung abzuholen. Der Assistent, der die Klausurarbeit, die als Vorbedingung zu schreiben war, durchgesehen und benotet hatte, hieß Knut Borchardt. Er bot dem Studenten einen Stuhl vor seinem Schreibtisch im Volkswirtschaftlichen Institut an und holte die Klausurarbeit hervor.

Dem Studenten traten Schweißperlen auf die Stirn, als er sah, daß der breite Rand seines Manuskripts mit Marginalien übersät war. Auf die ungeduldige Frage, ob die Arbeit für einen Schein ausgereicht habe, ging der Assistent erst gar nicht ein. Statt dessen ging er mit nerventötender Akribie Punkt für Punkt der Klausurarbeit durch und veranstaltete bei der Gelegenheit ein kleines Privatkolleg, das sich über eine Viertelstunde hinzog. Der Student reagierte zunehmend nervöser, und als ihm Knut Borchardt schließlich den Seminarschein mit der Note „ausreichend“ aushändigte, da nahm er den Schein und zerriß ihn in einem Anflug von Hochmut, weil er sich mit einem „ausreichend“ nicht zufriedengeben wollte.

Fünfzehn Jahre später: Aus dem Studenten ist ein Wirtschaftsredakteur geworden, der sich unter anderem eine Serie über Professoren der Nationalökonomie vorgenommen hat. Knut Borchardt hat es zum Professor gebracht, der gegenwärtig den Lehrstuhl für „Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Volkswirtschaftslehre“ an der Universität Mannheim verwaltet.

Das Spiel, das der Student seinerzeit mit seinem Assistenten spielte, wiederholt sich in umgekehrter Richtung. Der Professor bittet um Verständnis dafür, daß er in die Serie „Wer heute Wirtschaft lehrt“ nicht einbezogen werden möchte, nicht zuletzt, weil er. „mit dem wissenschaftlichen Ertrag der vergangenen Jahre nicht zufrieden“ sei.

„Vier Jahre lang habe ich vorzugsweise Hochschulpolitik betrieben, auf allen Ebenen der Selbstverwaltung und darüber hinaus. Ich habe in einem Maße öffentlich gehandelt (im Umgang mit den Massenmedien, bei Vorträgen, in allen möglichen politischen Zirkeln, Konferenzen usw. nicht zuletzt in Serien von studentischen Massenversammlungen), das fast an Exhibitionismus grenzt. Aber das Feld war nicht die Wissenschaft. Nun muß ich einige Jahre in strengster Konzentration daran arbeiten, meinen eigenen wissenschaftlichen Ansprüchen wieder zu genügen – und einen leergelaufenen Akkumulator wieder aufzuladen, um weitere Jahre mit einigem Selbstvertrauen lehren zu können ...“

Mit gleicher Post empfängt der Wirtschaftsredakteur einen Stoß von Sonderdrucken und sonstigen Veröffentlichungen, die beweisen, daß der Professor ein wenig tief gestapelt hat. Dennoch. Das Schriftenverzeichnis enthält nur wenige „selbständige“ Veröffentlichungen, darunter kein „richtiges“ Buch. Borchardt hat in der Tat weder die Zeit noch die Kraft gefunden, die wirtschaftswissenschaftliche Literatur um ein größeres Werk zu bereichern. Sein Fall scheint exemplarisch, und es spricht durchaus nicht gegen ihn, daß er unter seiner publizistischen Unfruchtbarkeit zu leiden hat.