Ein Vertreter der flämischen „Volksunie“ hat im belgischen Parlament einen Tadel ausgedrückt, der auf den ersten Blick kurios erscheint. Er tadelte in einer schriftlichen Anfrage die Regierung, weil eine „staatliche Stelle zum Lobpreis eines fremden Potentaten beigetragen und wahrscheinlich noch Geld dafür ausgegeben hat“. Den ausländischen Potentaten bezeichnete er als einen Mann, der Belgien unsagbares Unrecht zugefügt habe. Er meinte Napoleon.

Zuerst gab es Verblüffung. Als Napoleon lebte, existierte der belgische Staat noch nicht. Die Flamen waren Südniederländer, die Wallonen Franzosen, ob sie wollten oder nicht. Napoleon hat mit der Entstehung des belgischen Staates nichts zu tun.

Wahr ist allerdings, daß eine „staatliche Stelle“, nämlich das Amt für Tourismus, sich für Waterloo interessiert, ganz einfach, weil die Touristen sich dafür interessieren. Es ist der Ort unweit von Brüssel, wo Napoleon durch englische und preußische Truppen endgültig geschlagen wurde. Macht jemand eine Filmaufnahme für eine „offizielle Stelle“, etwa für das französische Fernsehen und für historische Zwecke, so pflegt das belgische Kommissariat für Tourismus sich hilfsbereit zu zeigen und womöglich noch Geld für die Hilfe auszugeben.

Kurios war, daß de Gaulle, als er noch Staatspräsident war, nicht wollte, daß vor Jahren eine französische Delegation bei einer Erinnerungsfeier in Waterloo teilnahm. Es war, als trüge er es speziell den Engländern nach, daß Frankreich eine Schlacht verloren hatte, während man doch genau so gut den Fall Napoleons als die Befreiung von einem Übermenschen betrachten kam, der seinem Vaterlande viel Blut abgefordert und ganz Europa geknechtet hatte, inklusive die Bürger des späteren Belgien.

Die Parlamentsfrage des flämischen Deputierten an die belgische Regierung ist nicht kurios. Sie ist typisch. Denn die „Volksunie“, die immer mehr Gewicht zu gewinnen scheint, ist die Partei der Rechtsradikalen.

In solchen Parteien herrscht die Gewohnheit, fleißig auf Themen herumzureiten, welche die „nationalen Gefühle“ ansprechen könnten. Regt in Deutschland die studentische APO die Bürger auf, gleich sagt Herr von Thadden, der Führer der NPD, die Hitlerjugend sei lobenswert gewesen. Feiern die Franzosen das Gedächtnis Napoleons, der vor zweihundert Jahren geboren wurde, so vergißt der Sprecher der „Volksunie“ nicht, die belgische Regierung zu tadeln, weil sie den Franzosen zur Feier des „Potentaten“ noch Hilfsdienste leiste. Und dies alles, weil man möglicherweise Wählerstimmen fängt, treibt man’s nur recht radikal.

Daß die Franzosen im „Jahre des Kaisers 1969“ den Empereur ein bißchen heftig feiern, ist ein anderes Kapitel: Reden bei den „Unsterblichen“ und gleich drei Ausstellungen in Paris, interessante sogar. Aber den „fremden Potentaten“, der Belgien schadete, ehe es noch existierte, der Brüsseler Regierung anzukreiden, kann nur ein Stück politischer Arglist sein.